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Erfahrungsbericht Psychose

Ich war früher ziemlich sensibel. Alles nahm ich mir sehr zu Herzen. Ich fühlte mich hässlich und dumm und war oft traurig. Über lange Strecken meiner Kindheit und Jugend hatte ich keine Freunde, weil ich mit anderen Kindern traumatische Erfahrungen gemacht hatte, was sich später auch auf mein Leben als Jugendliche und Erwachsene auswirkte. Ich zog mich vor anderen zurück und war eher ängstlich. Auch in Zeiten wo ich Freunde hatte, fühlte ich mich immer nur geduldet und eigentlich allein und bedrückt. Nur meine Tiere gaben mir Halt. Wenn mir etwas Schlimmes passierte, brannte es sich in meinem Kopf ein und quälte mich. Selbst Verliebtheit war ein Grund zur Aktivierung meines inneren Katastrophenmodus, weil ich immer dachte nicht zu genügen. Dinge, die andere vielleicht en passent bewältigen, wurden bei mir zum Trauma.

 

Daraus entwickelte sich eine psychische Krankheit: Psychose - Schizophrenie!

 

Die meisten Wissenschaftler sagen, dieses Leiden sei genetisch bedingt und käme zum Ausbruch, wenn das Individuum psychisch überlastet ist. Bin ich so weil ich schon von Geburt an so überempfindlich war, oder haben mich meine Mitmenschen / Eltern oder einfach das Leben an sich zu dem gemacht, was ich bin? Habe ich die falschen Strategien entwickelt, mit Konflikten und Stress umzugehen? Jedenfalls war ich oft unglücklich und hatte eigentlich immer irgendwelche Sorgen. 

 

So weit ich weiß, gibt es in meiner Familie keine weiteren Betroffenen. Allerdings kenne ich meine Vorfahren mütterlicherseits nicht, weil meine Mutter als Pflegekind bei meinen Großeltern aufgewachsen ist. Man ist jedenfalls, vor allem auch durch Studien mit eineiigen Zwillingen zu der Ansicht gelangt, dass zusätzlich zu einer genetischen Disposition, die zu einer Entgleisung des Hirnstoffwechsels führen soll, meist erst psychosoziale Faktoren zum eigentlichen Ausbruch einer solchen Erkrankung führen. Das Risiko innerhalb einer Familie zu erkranken, soll je nach Verwandtschaftsgrad unterschiedlich  hoch sein, wobei aber vor allem die Verhaltensmuster oder widersprüchliches Verhalten innerhalb des sozialen Umfeldes, allgemein ungünstige Lebensumstände und die individuelle Verletzlichkeit der jeweiligen Person maßgeblich sind.

 

Irgendwie verpasste ich auch die pubertäre Phase, wo man bemüht ist, sich vom Elternhaus zu lösen. Die autoritäre, unsensible und lieblose Art meiner Mutter erstickte sämtliche Versuche des Erwachsenwerdens schon im Keim. Zum Beispiel sagte sie einmal, als ich etwa so 13 Jahre alt war zu einer Bekannten, "Man muss aufpassen; die ist läufig!", als ich sie fragte ob ich nachmittags Freundinnen besuchen dürfte und sie wieder mal Angst hatte, ich würde mich mit einem Jungen treffen. Dabei hatte ich schon damals wegen etwas, was mir Jahre vorher passiert war, die ärgsten Probleme überhaupt Kontakt zum anderen Geschlecht aufzunehmen. Es war sehr verletzend. Ich hatte einfach immer das Gefühl ungeliebt und unfähig zu sein, das Leben selbständig zu bewältigen. Wahrscheinlich bin ich aber einfach viel zu empfindlich... Heute ist sie alt und krank und ihre Autorität hat schon lange Federn gelassen. Deshalb sollte ich ihr nichts mehr von früher vorwerfen, denn nun ist die Zeit da, wo wir Kinder für sie sorgen sollten. Trotzdem bleiben solche Dinge in Erinnerung. 

 

Ich bin das mittlere von drei Kindern. Mein Bruder ist neun Jahre jünger, meine Schwester neun Jahre älter als ich. Unser Vater war freundlich und naturverbunden; ein Vereinsmensch. Wir lebten in einer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung im oberen Stockwerk des Hauses unserer Stiefgroßeltern. Ich schlief in dem Zimmer, das einmal hätte das Bad werden sollen; meine Schwester im Wohnzimmer. Geld war immer knapp. Meine ältere Schwester war genervt, wenn sie auf mich aufpassen musste. Papa arbeitete als einfacher Handwerker, Mama war Hausfrau und ging als ich älter war, nebenbei in meiner Schule putzen. Ich hatte oft das Gefühl, als Tochter einer Putzfrau von meinen Lehrern abgewertet zu werden. Mama und meine Schwester wurden fast gleichzeitig schwanger. Meine Schwester heiratete dann mit 18. Als mein Bruder drei war, erlitt unsere Mutter einen Schlaganfall und war sehr lange schwer krank. Auch heute noch leidet sie neben anderen altersbedingten Erkrankungen unter Gefühlsstörungen der einen Körperhälfte und hat Sprachstörungen. Unser Vater ist 1992 nach einer Herzkatheterbehandlung, wobei eine Baucharterie verletzt wurde, innerlich verblutet. Ich habe 1978 die Mittlere Reife gemacht und danach, weil ich vor lauter Schüchternheit in jedem Bewerbungsgespräch versagte, zuerst eine Landwirtschaftsschule im Bereich Hauswirtschaft und ein kaufmännisches Berufskolleg besucht, bevor ich dann doch eine Lehre zur Einzelhandelskauffrau im Zoohandel beginnen konnte.

 

Irgendwann begann es wohl schleichend, dass ich meine Mitmenschen Dinge sagen hörte, die sie nicht wirklich sagten. Es war wohl zu der Zeit, als ich unglücklich in einen anderen Auszubildenden verliebt war. Unglücklich in erster Linie deshalb, weil ich zu schüchtern war, meinem Schwarm zu beichten, was mit mir war und er auch keinerlei Interesse an mir hatte. Es ist aber auch möglich, dass ich schon viel früher solche Wahrnehmungen hatte, es aber gar nicht bemerkte. Damals konnte ich den tatsächlichen Ursprung dieser meist zynischen und gemeinen, aber wenn man tiefer in sich nachforschte doch absolut zutreffenden Äußerungen noch nicht definieren. Für mich schien es, als ob die Leute um mich herum so gemein oder vielleicht eher so treffend ehrlich zu mir waren, wie es nur jemand sein kann, der einem ins Innerste schaut. Natürlich ist so etwas sehr peinlich, wenn man bedenkt, dass das scheinbar andere Menschen zu einem sagen. Da scheint dann die Membran, die normalerweise unsere Privatsphäre schützt, zerrissen zu sein. Es verletzt und macht Angst. Dass das, was ich hörte nicht real sein und nicht wirklich von meinen Mitmenschen kommen könnte, kam mir damals nicht in den Sinn. Ich dachte höchstens manchmal, mich verhört zu haben, weil das ja alles so nicht sein könne. Ich konnte trotz dieser Belastungen mit Müh und Not meine Ausbilderprüfung abschließen, die mein Chef für mich angeregt und bezahlt hatte. 

 

Es passierte nur sporadisch, dass ich so etwas hörte. Da ich aber schon immer sehr zurückhaltend war, sagte ich nichts dazu und tat auch so als wäre nichts. Dieses Verhalten trug wahrscheinlich dazu bei, dass meine Erkrankung nicht schon viel früher auffiel. Jeder kann sich sicher vorstellen, dass sich dadurch meine schon vorher latent vorhandenen Depressionen verschlimmerten. Der Liebeskummer eskalierte, als ich endlich mit der Wahrheit rausrückte und der junge Mann mir sagte, dass er mich nicht wollte. Das bestätigte natürlich meine schlimmsten Erwartungen.

 

Meine Schwester bemerkte, dass es mir nicht gut ging und beschloss, dass ich unter Leute müsste. Sie nahm mich mit in eine Jugendgruppe deren Leiterin sie war, wo ich dann meinen späteren Ehemann kennen lernte. Ich trauerte zwar meiner Liebe hinterher, wollte aber an meine Zukunft denken und auf keinen Fall mehr alleine sein. Mein Mangel an Selbstbewusstsein machte da nichts aus, weil er auf mich zuging. Wir harmonierten sehr gut, obwohl wir nicht sehr viele gemeinsame Interessen hatten und machten uns eine schöne Zeit. Wir gingen oft aus und unternahmen auch sonst viel. Allerdings war ich irgendwie nur sein Anhängsel und hing in Gedanken oft noch an dem anderen. Die anderen kannten ihn viel länger als ich und waren ihm deshalb auch verbundener als mir. Schon seit meiner Schulzeit hatte ich keinerlei eigene Kontakte mehr.

 

1986 wechselte ich zuerst in die Zooabteilung eines großen Kaufhauses und kurz danach in die Produktion eines medizintechnischen Betriebes, um aus der verqueren Situation mit dem Kollegen zu entkommen. Ich konnte diesen Menschen aber nicht vergessen. Außerdem war in dem Produktionsbetrieb die Arbeitszeit angenehmer. Irgendwann zog ich dann zu meinem Freund. Er hatte eine Wohnung im Haus seiner Eltern. Nach einiger Zeit, als wir beschlossen hatten zu heiraten, wurde ich schwanger. Mein Freund wusste zwar, dass ich die Pille abgesetzt hatte, aber so schnell hätte es dann eigentlich doch nicht passieren sollen. Wir heirateten am 26. April 1991, als ich im vierten Monat schwanger war.

 

Ich hatte Panik vor der Geburt und noch mehr Panik, das kleine Würmchen hinterher zu versorgen. Schon lange vorher hatte ich Angst, dass ich es nicht schaffen würde. Natürlich informierte ich mich über Säuglingspflege, machte einen Geburtsvorbereitungskurs und Schwangerschaftsgymnastik und sorgte dafür, dass alles da war was ein Kind braucht, nur innerlich blieb ich unsicher. In meiner Umgebung gab es keine Frau mit einem kleinen Kind, bei der ich mir etwas abgucken konnte. Als ich zwei Wochen über den Termin war, sollte die Geburt eingeleitet werden. Mein Mann brachte mich in die Klinik und ich bekam ein Wehenzäpfchen. In der Nacht hörte ich, wie aus dem Nachbarzimmer Gespräche und Gelächter schallte, als ob dort eine Party zugange wäre. Als ich es meinem Mann am nächsten Morgen erzählte, fragte er die Schwestern was da los gewesen sei, aber die meinten da wäre nur eine einzelne Frau, die wegen ihrer Schwangerschaft liegen müsste und strikte Ruhe verordnet bekommen hatte. Ich dachte mir nichts weiter dabei. Kurz vor Mittag dieses Tages kam dann unser Sohn gesund und munter zur Welt.

 

Schon in der Klinik begann das Drama. Das Stillen klappte nicht und der Kleine bekam von der hypoallergenen Milch Durchfall. Diese sollte ich geben, weil mein Mann unter einer Pollenallergie litt, und man dachte dass eventuell die Neigung zu Allergien vererbt worden war. Zuhause hatte ich keine Hebamme, die mich beraten konnte. Der Kleine wurde total wund. Auf Anraten meiner Kinderärztin sollte ich deshalb Reisflocken zur Milch zufügen, aber es brachte fast nichts. Vor lauter Sorgen konnte ich nicht mehr schlafen. Im Bett lief natürlich nichts. Mein Mann war ziemlich übellaunig und half mir nicht allzu viel. Das ging ca. vier Wochen so. Irgendwann hörte ich plötzlich Leute reden obwohl ich allein war. Es klang so, als ob es durch die Wand käme. Sie sagten gemeine und verwirrende Dinge. Zuerst dachte ich, das sei meine Schwiegermutter aus der Etage unter uns, weil sich die Stimme so wie ihre anhörte. Dann dachte ich, mein Mann wollte mich zusammen mit den Schwiegereltern, mit irgendwelchen Lautsprechern und Wanzen in den Wänden verrückt machen um mich loszuwerden, und es würde mir ja niemand glauben dass er da am Werk war, wenn ich es erzählen würde. Ich bekam immer mehr Panik, dass meinem Kind etwas passieren würde, weil ich es nicht mehr versorgen könnte, sagte aber niemandem etwas darüber. Irgendwann hörte ich aber eine Frau vor dem Dachfenster sagen, „Soll ich kommen und es holen?“

 

Panik!!! Wer war das??? Da draußen konnte niemand sein und wo sollte da ein Lautsprecher sein? Das konnte nur ein Geist sein, der mein Kind holen wollte! Würde es sterben? Ich wusste aber von dieser Krankheit, bei der man Stimmen hört. Dann war es also nicht mein Mann sondern ich war wirklich verrückt! Die Stimmen waren aber so total real! Was würde jetzt passieren? Von nun an hörte ich diese "Leute" ständig über mich diskutieren. Meinem Mann sagte ich nichts, weil ich ihm nicht mehr vertraute. Ich konnte es nicht riskieren, dass dem Kleinen etwas passierte. Ich rief meine Eltern an und sagte ihnen, sie müssten den Kleinen nehmen. Ich konnte einfach nicht mehr... Meine Schwiegereltern waren zu der Zeit noch nicht in Rente und leider hatte ich ja die Stimme durch die Wand gehört, die sich wie meine Schwiegermutter angehört hatte. Sie hatte gesagt, sie würde wegen mir nicht von der Arbeit zu Hause bleiben. Ich begründete meine Auszeit vom Baby erst mal damit, dass ich nicht mehr schlafen konnte. Ich konnte das Risiko, dass ihm bei mir etwas passieren könnte, nicht mehr auf mich nehmen. Was wirklich mit mir los war, sagte ich aber immer noch nicht, weil ich Angst vor den Konsequenzen einer solchen Krankheit hatte. Mein Mann verstand überhaupt nichts als der Kleine weg war und wir stritten uns. Er brachte mich zu meinen Eltern, wo ich die Nacht verbrachte. Ich konnte trotz Schlaftablette wieder nicht schlafen. Sie riefen unseren Hausarzt an, um zu erfahren, was man machen könnte. Am nächsten Morgen brachten mich mein Bruder und mein Vater in die Psychiatrie.

 

Dort mussten wir erst mal stundenlang warten, bis eine Ambulanzärztin mit mir sprach. Ich war total übermüdet, sagte ihr das mit den Stimmen und sie meinte, ich sollte erst mal ein paar Tage dort bleiben. Sie brachte mich auf die Station, wo ich nach einem weiteren Gespräch ein Neuroleptikum einnehmen sollte. Hinterher erfuhr ich, dass es Haldol war, ein Mittel, das in höherer Dosierung schlimme Nebenwirkungen hervorruft, aber damals meistens das Mittel der Wahl bei einer akuten Psychose war. Niemand sagte mir das. Man sollte angeblich nur etwas müde davon werden. Ich hatte gehört, dass solche Medikamente nicht ganz ungefährlich sein sollten und fragte die Ärztin, ob ich davon vielleicht sterben würde. Als sie meinte, ich sollte Vertrauen haben, dachte ich es sei ja eh alles egal und schluckte das Zeug. Von da an schlief ich fast nur noch. Nicht mal zum Essen wurde ich wach. Anfangs brachte man mir das Essen ans Bett, dann sollte ich in den Speisesaal gehen. Wenn ich mich richtig erinnere, schwankte ich des Öfteren ungewaschen, im Nachthemd und mit Stoppelbeinen weil ich fast keine Körperpflege betrieb dort hin. Das heißt, wenn ich zufällig wieder mal aufgewacht war, lange nachdem das Essen gebracht worden war. Jedenfalls hatten alle anderen Patienten schon längst gegessen. Dabei brachte ich kaum was runter, weil ich so einen trockenen Hals hatte. Gespräche, außer während der Visite, gab es so weit ich mich erinnere gar nicht! Möglicherweise habe ich Termine aber auch einfach vergessen, weil ich immer schlief.

 

Das Medikament hatte wirklich schlimme Nebenwirkungen. Erst mal war ich nur noch müde, fühlte mich total steif, konnte nicht mehr stillsitzen, konnte nicht mehr richtig denken und nur noch verschwommen sehen. Ich hatte ein aufgedunsenes, fettglänzendes, rotes und pickeliges Gesicht. Zu jeglicher Aktivität musste ich mich zwingen. Selbst das Haarewaschen und Zähneputzen wurde mir zu viel. Das Bett im Krankenzimmer zu machen war, als ob ich Schwerstarbeit leisten müsste. Ich sagte nur noch „ja“ oder „nein“, weil mir sonst nichts mehr einfiel. Dazu kamen noch die Sorgen um den Kleinen. Unter der Woche war er bei meinen Eltern und am Wochenende bei den Schwiegereltern und meinem Mann.

 

Die Stimmen waren wohl weg. Man sagte mir, ich müsste mit diesen Medikamenten nun auf Dauer leben. Das konnte ich mir gar nicht vorstellen, denn das war schlimmer als der Tod für mich. Wie sollte ich in so einem Zustand für meine Familie sorgen und wie sollte mich mein Mann so überhaupt noch lieben? Meine Eltern sahen auch, dass es mir immer schlechter ging und halfen mir unter der ärztlichen Voraussetzung, sofort nach der Entlassung zu einem niedergelassenen Psychiater zu gehen nach vier Wochen wieder rauszukommen.

 

Ich sollte danach ein anderes Medikament einnehmen, das aber genau so schlimme Nebenwirkungen hatte. Nun hatte ich auch noch schrecklichen Speichelfluss und sehen konnte ich immer noch nicht richtig. Auch die ständige Müdigkeit, Antriebsschwäche, Sitzunruhe und das Gefühl als ob ich einen nassen Schwamm statt ein Gehirn im Kopf hätte, wurden nicht besser. Ich hatte schreckliche Depressionen und Zukunftsängste. Mein Sohn war immer noch bei meinen Eltern und mein Vater holte mich jeden Tag ab, damit ich bei ihm sein konnte und auch damit ich nicht allein zu Hause war, während mein Mann bei der Arbeit war. Ich sagte mir also, dass es so nicht weitergehen könnte und setzte die Medikamente einfach ab. Schon nach einem Tag fühlte ich mich besser. Nach kurzer Zeit traute ich mich, wieder Auto zu fahren und auch alles andere in meinem Leben funktionierte wieder. Nach einem Monat holten wir den Kleinen wieder zu uns und alles schien gut zu sein....

 

 

 

Da der Kleine nun aus dem Gröbsten raus war und auch andere Milch bekam, klappte von nun an alles sehr gut. Nur machte mir zu schaffen, dass er wegen meiner Krankheit alleine aufwachsen sollte. Ich wünschte mir so sehr ein Geschwisterchen für ihn, obwohl ich Angst hatte, dass das Gleiche noch mal passieren, oder die Krankheit auf die Kinder übertragen werden könnte. Nach meiner Erziehungszeit konnte ich wieder halbtags arbeiten. Damals arbeitete ich wieder in der Produktion des medizintechnischen Betriebes von vor meiner Schwangerschaft. Nach kurzer Zeit hatte ich allerdings wieder das Gefühl, dass die lieben Kolleginnen über mich tuscheln.

 

Genau zu der Zeit, als ich es nicht mehr aushalten konnte, stellte ich fest dass ich wieder schwanger war. Ich hatte es darauf angelegt schwanger zu werden und mir scheint auch heute noch, dass ich den Zeitpunkt der Zeugung genau spüren konnte. Das war auch damals bei meinem Sohn so gewesen. Ich hatte einfach das Gefühl, dass genau im Moment des Aktes ein neues Leben entstand.

 

Bei der Arbeit war ich so fertig von dem Mobbing, bei dem ich nicht wusste, ob die Ursache die Kolleginnen, die über meine Erkrankung zu lästern schienen oder die Stimmen waren, dass ich einfach fristlos kündigte. Ich konnte es einfach nicht mehr aushalten! 

 

Meine Familie überredete mich, zu einem niedergelassenen Psychiater zu gehen, bei dem ich dann später bis Anfang 2017 in Behandlung war. Er redete mit mir und aufgrund der Schwangerschaft hielt er wohl eine medikamentöse Behandlung nicht für angeraten. Ich besuchte ihn dann regelmäßig und schüttete mein Herz aus, was auch einigermaßen Entlastung brachte, denn es gab einige Konflikte in der Beziehung und mit den Schwiegereltern. Wenn ich mich richtig erinnere, riet er oder jemand aus der Familie mir auch, mich arbeitslos zu melden, damit die Renten- und Krankenversicherung nicht unterbrochen würde. Aufgrund meiner Erkrankung bekam ich nicht mal eine Sperre. Zum Ende der Schwangerschaft fühlte ich mich aber von den Stimmen immer mehr bedrängt und von der Familie meines Mannes immer mehr abgelehnt. Deshalb ging ich die letzten Wochen bis zur Entbindung in die Psychiatrie. Dort fühlte ich mich eigentlich recht wohl, weil ich aufgrund der Schwangerschaft keine starken Medikamente nehmen durfte, die sicher wieder schreckliche Nebenwirkungen ausgelöst hätten. Ich fand es interessant, die anderen Patienten auf Station zu beobachten. Das Medikament, das ich am ersten Tag bekommen hatte, erbrach ich nach ein paar Minuten spontan. Merkwürdigerweise war das Erbrochene rot. Danach bekam ich Valium und später, weil ich dachte davon Albträume zu bekommen ein anderes Medikament, dessen Namen ich aber wieder mal nicht gesagt bekam. Na ja... ich traute mich wahrscheinlich nicht zu fragen.

 

Bei den gynäkologischen Untersuchungen wurde festgestellt, dass ich eine Tochter erwartete. Ich freute mich sehr. Allerdings machten mich die Stimmen ziemlich fertig. In dieser Zeit fand mein einziger halbgarer Versuch eines Suizids statt. Die Stimmen machten mir immer wieder Angst, nachts würde ein Mann von unten, wahrscheinlich aus der geschlossenen Abteilung kommen und mir das Kind aus dem Bauch herausschneiden. Außerdem sagten sie immer wieder, ich solle „hinten raus, dann runter und dann rauf“. Das klingt natürlich ziemlich wirr, aber ich stellte dann fest, dass hinten im Flur ein Fenster war, und wenn ich da rausspringen und runterfallen würde, würde ich vielleicht hinterher rauf in den Himmel kommen. Ich muss dazu sagen, dass ich nicht gläubig bin und schon gar nicht daran glaube, dass es ein Paradies gibt aber die Aussagen der Stimmen brachten in mir diese Deutung auf. Als ich genau nachsah, bemerkte ich dann, dass ein Gitter vor dem Fenster war.

 

Wenn man so was tagtäglich hört, wird man irgendwann schwach. Ich ging also ins Zimmer, wo in diesem Moment niemand war, nahm ein Glas, das ich im Waschbecken zerschlug und saß mit einer Scherbe da, um die Stimmen zu fragen, ob sie wollten, dass ich mich umbringe. ...Und das Kind in meinem Bauch auch? Ich überlegte, ob man mich noch früh genug finden würde, um die Kleine in mir zu retten. Die Stimmen machten sich nur lustig darüber. Sie schienen mir damit wohl sagen zu wollen, dass sie es mir sowieso nicht zutrauten... Und ich traute mich auch nicht! Bevor jemand ins Zimmer kam, warf ich die Glasscherben in den Mülleimer und ging wieder raus, als sei nichts gewesen.

 

Wieder war der Geburtstermin zwei Wochen überschritten und wir entschlossen uns, die Geburt einleiten zu lassen. Ich wechselte also in die Gynäkologie. Diesmal wurde die Geburt mit Wehentropf eingeleitet. Ich musste die ganze Zeit liegen. Nach ca. zwei Stunden war unsere kleine Tochter da. Ich entschloss mich, der behandelnden Psychiaterin, die mich in der Geburtsklinik besuchte vorzumachen, dass die Stimmen weg wären, weil ich dachte, nur so nach Hause zu dürfen. Mit großen Augen sagte ich ihr direkt ins Gesicht,“Seit das Baby da ist, sind die Stimmen weg!“ In Wirklichkeit war nur eine der damals mehreren weiblichen Stimmen verschwunden, die ich vor der Geburt gebeten hatte, sich um das Kind zu kümmern. Die anderen waren Nach wie Vor hörbar. Ich denke nicht, dass sie es wirklich glaubte, aber nach einer Woche durfte ich mit der Kleinen nach Hause.

 

Dieses Mal hatte ich eine sehr nette Hebamme, die auch meinen Geburtsvorbereitungskurs geleitet hatte und die sich gut um mich kümmerte. Ich war nun auch erfahrener und alles klappte sehr gut, außer dass meine Tochter von der Babynahrung einen starken Ausschlag bekam. Jahre später entwickelte sie dann eine leichte Form der Neurodermitis. Die Medikamente setzte ich ab, weil ich sonst Nachts nicht rausgekommen wäre um das Baby zu füttern. Stillen konnte ich leider auch dieses Mal nicht. Mit Hilfe von Seiten meines Mannes konnte ich kaum rechnen. Er beschäftigte sich in seiner Freizeit lieber mit seinen Hobbies.

 

Was sich nicht geändert hatte, waren die Stimmen. Wenn ich mich gut fühlte, waren sie nicht so gemein, aber sie redeten unablässig. Es waren meist zwei mir unbekannte Männer und eine Frau. Eigentlich waren ihre Stimmen recht sympathisch, aber es war nur schwer auszuhalten. Die Stimmen klingen in der Wohnung auch heute noch, als wenn man etwas aus einem anderen Raum durch die geschlossene Tür hört. Draußen hört es sich so an, als ob man jemanden von weiter entfernt reden hört. Ließ ich die Medikamente weg, oder stand ich unter Stress, hörte es sich an, als ob jemand in unmittelbarer Nähe sei. Sie diskutierten ständig über mich und andere, wobei ich aber nicht weiß um wen es sich da handelte. Sie wussten alles was ich dachte und tat und ich fühlte mich deshalb komplett überwacht. Ich funktionierte, aber wohl fühlte ich mich nicht. Ich war immer sehr müde. Und dann ständig diese Horrormeldungen im Brustton der Überzeugung, was passieren würde und was andere über mich dächten. Sie machten mich auch oft glauben, dass andere Menschen mitbekommen würden, was ich über sie denke. Die Stimmen sprachen oft in Metaphern, die die Sprache sehr episch gestalteten. Was mir auffällt ist, dass sie auch heute noch keine Namen nennen. Nur ein mal wurde eine weibliche Stimme mit einem Namen benannt, was ich aber aus der Situation heraus als Zynismus auslegte, weil es ein weiblicher Name, die Stimme aber männlich war. Merkwürdigerweise kenne ich heute einen Mann, der diesen Namen als Nachnamen hat. Es wird immer nur indirekt über Personen gesprochen, so dass ich mich zwar oft angesprochen fühlte, aber eventuell vielleicht gar nicht gemeint war. Inzwischen wussten ja wenigstens alle aus der Familie und die Freunde, was mit mir los war, so dass ich da nichts verheimlichen musste, aber vor den anderen Menschen hatte ich Angst. Würde mir das Jugendamt die Kinder nicht wegnehmen wollen? Was würden die Erzieherinnen im Kindergarten über mich denken? Was würden die anderen Eltern über mich denken? Würde man mir etwas anmerken?

 

Außerdem kam immer mehr die Überlegung, was die Stimmen nun eigentlich waren, denn Halluzinationen waren sie nicht für mich. Ich konnte in Gedanken, quasi via Telepathie, mit ihnen reden. Ich wusste, dass sie mitbekamen was ich dachte und tat. Sie redeten wie jeder normale Mensch, aber ihre eigentlichen, internen Gedanken konnte ich nicht lesen, denn dann wären die Sätze nicht so klar strukturiert gewesen. Durch die vielen, immer in gleicher Weise benutzten Metaphern hatten sie eine gruppenspezifische Sprache, die in keinster Weise mit meiner übereinstimmt. Sie konnten einfach keine Hirngespinste sein. Von Geister bis Engel oder Dämonen, mehrere Seelen in meinem Gehirn, Geheimdienste, geheimer Forschungsauftrag der Regierung, Sekten oder Außerirdische zog ich alles in Betracht und weiß die Wahrheit bis heute, über 25 Jahre nach meiner ersten Diagnose immer noch nicht. Wie gesagt; die Option sinnlose Halluzination oder einfach nur psychologische Reaktion kommt für mich nicht in Frage. 

 

Ich holte mir also Literatur (Internet hatten wir erst ab 1999) und schaute Dokumentationen im Fernsehen an. Irgendwann wurde ich auf die Gründung einer Selbsthilfevereinigung aufmerksam (NeSt), wo ich dann einigermaßen regelmäßig eine Gruppe besuchte. Leider war sie in einer entfernteren Stadt, so dass wir jedes Mal ziemlich lange fahren mussten um dort hinzukommen. Mein Mann machte alles geduldig mit aber ich merkte, dass er es nicht wirklich mochte. Nach einer Weile fuhr ich mit dem Zug alleine hin, um ihn zu entlasten. Mit dem Auto wollte ich diese lange Strecke nicht fahren.

 

Dann kam das Internet mit all seinen Möglichkeiten. Meine ersten Versuche endeten in einer ziemlichen Katastrophe. Völlig unbedarft schrieb ich mit der Mailadresse meines Mannes in einem amerikanischen Usenet-Forum für Schizophrenie (alt.support.schizophrenia) über mich und meine Krankheit da ich mich einfach anderen mitteilen wollte. Ich selbst hatte keine Adresse, da es damals so weit ich mich erinnere irgendwie nur eine E-Mail-Adresse kostenlos zum Internetanschluss dazu gab. Jedenfalls wusste ich nicht, wie ich an eine eigene Adresse kommen könnte. Meine PC-Kenntnisse waren zu der Zeit nur rudimentär. Als ich dann merkte, dass man mit der Suchfunktion nach unser beider Namen googeln konnte und sie dann auch noch fett und schwarz unterlegt auf den Suchmeldungen erschienen, packte mich wieder die Panik. Ich hatte ja damals immer Angst, dass mir jemand wegen der Krankheit die Kinder wegnehmen würde oder dass man mich einfach nicht mehr für voll nähme und nun hatte ich mich auch noch geoutet und mein Mann hing auch noch mit drin. Vielleicht würde er wegen mir sogar Ärger bei der Arbeit bekommen.

 

Er weigerte sich, mir zu helfen, den Thread wieder rauszumachen und ich verfiel in absolute Paranoia. Ich hatte Panik davor aus dem Haus zu gehen, musste aber wegen der Kinder. Ich dachte, jeder draußen wüsste alles über mich. Ich dachte, die Scientologen oder die Leute vom universellen Leben würden mich beobachten, weil sie mich zu sich holen wollten. Ich hatte Angst, dass meine Kinder entführt würden. Merkwürdigerweise begegnete ich auch immer Leuten, die verdächtige Dinge taten oder sagten und ich dachte, sie reden über mich. Ich denke aber nicht, dass diese Leute optische Halluzinationen waren. Es waren eher dumme Zufälle im Sinn von Synchronizität, wie C.G. Jung sie beschreibt. 

 

Mein Mann dachte sich wohl, ich sollte dafür büßen, dass ich seine Mailadresse missbraucht hatte und half mir überhaupt nicht. Wie schlecht es mir ging, sah er nicht, oder es war ihm egal. Erst nach ca. einem viertel Jahr fand ich heraus, dass man direkt an Google schreiben konnte, um das löschen zu lassen. Gott sei Dank schienen sie es auch zu machen! Danach fühlte ich mich zwar etwas beruhigt, kam aber jahrelang, auch aufgrund eines weiteren Vorkommnisses, das meine Befürchtungen zu bestätigen schien, nicht mehr aus der paranoiden Schiene heraus. Funktionieren musste ich trotzdem. Die Kinder und der Haushalt mussten versorgt werden. Es musste eingekauft werden, ich hatte zumindest stundenweise meine Jobs und ich musste regelmäßig mit den Kindern zu ihren Aktivitäten. Mein Mann war ja tagsüber arbeiten und meine Schwiegereltern hielten sich größtenteils raus.

 

 

 

Wie es wohl oft ist, wurde die Ehe mit der Zeit zur Gewohnheit, wobei meine Erkrankung natürlich noch eine zusätzlich Belastung war. Ich war für zu Hause zuständig, hatte stundenweise eine Putzstelle und half später zwei halbe Tage im Laden meiner Schwester aus. Mehr schaffte ich nicht in meiner Angst wegen meiner Krankheit von anderen verachtet zu werden, dass die Kinder Nachteile hätten wenn es herauskommen würde, oder dass etwas Schlimmes passieren würde, wie die Stimmen immer behaupteten. Die Medikamente machten mich sehr müde und oft fühlte ich mich einfach nur schlecht. Nahm ich sie in einer Dosis, die gegen die Stimmen wenigstens einigermaßen half, merkte man mir die Einnahme an den Bewegungen und dem maskenhaften, angespannten Gesicht an. Ich wollte nicht ständig müde und faul sein, hässlich und behindert wirken! Jahrelang trafen wir uns noch regelmäßig mit den Freunden, bis mir selbst das zu viel wurde. Ich war in meine alten Depressionen und das Gefühl, von den anderen abgelehnt zu werden zurückgefallen und meinte schon damals zu wissen, dass unsere Ehe nicht mehr sehr lange halten würde, wenn die Kinder groß wären. Mein Mann wollte keine Glucke, die sich nur um die Kinder kümmert. Wir stritten uns zwar nie richtig, denn ich kann solche Situationen gut ausgleichen, aber oft redete mein Mann tagelang kaum ein Wort mit mir, wenn ich wieder mal meinen ehelichen Pflichten nicht nachgekommen war oder ich ihn sonst vernachlässigt hatte.

 

Wenn man Stimmen hört, ist man nie mit jemandem allein. Das hat einen äußerst unguten Einfluss auf das Eheleben und macht so etwas recht problematisch, denn wenn drei imaginäre Leute ständig am diskutieren sind, eventuell noch über das, was man gerade tut, kann man sich vorstellen, dass das nicht besonders erotisierend wirkt. Man hat das Gefühl, den Partner, mit dem man gerade schläft in genau diesem Augenblick zu betrügen, denn man ist  zwar körperlich bei ihm, kommuniziert aber in Gedanken die ganze Zeit mit den Stimmen. Dass mich die Stimmen zeitweise als Hure bezeichnet hatten, schien mir in solchen Momenten berechtigt. Zudem nahm ich ja noch die ziemlich unwirksamen Neuroleptika ein, die mich immer sehr müde machten und zusätzlich einschränkten.

 

2004, während unseres letzten Urlaubes in der Türkei kam es zum Eklat. Außer meinem Mann und den Kindern waren meine Schwester und ihr Lebensgefährte, der auch heute noch der beste Freund meines Mannes ist, in deren Ferienhaus wir wohnten und sein Neffe dabei. Ich hatte schon vorher das Gefühl, mein Mann würde nicht wollen, dass ich mitreise. Wahrscheinlich hatte er da schon beschlossen, die Ehe zu beenden. Es war in den Sommerferien. Als wir dann dort waren, war die Stimmung ziemlich schlecht. Ich regte mich fürchterlich über eine in der Ferienwohnung liegende Plastiktüte mit einer Filmwerbung auf, die meine alte Paranoia wieder aufleben ließ. Ich dachte, die anderen hätten sie hingelegt damit ich mich wieder verfolgt fühlen sollte. Sie hatten von meinen psychotischen Ängsten bezüglich dieses Filmes gewusst. Nachts war es fürchterlich heiß und die schnarrenden Baumzikaden und zirpenden Grillen auf den Feldern machten es unmöglich, zu schlafen. Ich verzweifelte immer mehr. Mein Mann fühlte sich wohl um seinen Urlaub betrogen und rastete eines Nachts völlig aus wegen mir.

 

Nach diesem Urlaub verschlechterte sich unsere Beziehung zusehends. Im Dezember dieses Jahres wollte mich mein Mann von meinem Psychiater einweisen lassen, der das aber nicht tat. Ich glaube ja schon, dass mein Mann einen Grund dafür hatte, denn ich hatte ihn an diesem Morgen ganz leise flüsternd "Mörder" genannt! Nicht wie er daraufhin vielleicht vermutete weil ich dachte, er hätte jemanden umgebracht, sondern weil es mir wegen ihm so schlecht ging, dass ich dachte, ICH müsste mich umbringen. Statt der Einweisung verpasste mir der Psychiater eine Depotspritze eines Neuroleptikums, welche aber absolut nichts besser machte. Weil ich es zu Hause dann nicht mehr aushielt, ging ich am 6. Januar selbst in die Klinik. Jedes Mal, wenn ich einen Arzt darauf ansprach, dass mein Mann sich eventuell trennen wollte, bekam ich eine Dosiserhöhung. Wahrscheinlich dachte man, das sei Wahnhaft. Zum Schluss war ich dann bei der absoluten Höchstdosis des verordneten Medikamentes: 1200mg Solian / Amisulprid, mit diversen Nebenwirkungen. Eigentlich hatte am Tag meiner Einweisung meine Periode beginnen sollen... Nichts! Außerdem bekam ich nach kurzer Zeit Milchfluss aus der Brust und ich schwitzte fürchterlich. Nachts war das Bettzeug richtig feucht. Unter Stress bekam ich sogenannte Blickkrämpfe, wo sich die Augen nach oben drehen und meine Muskulatur war vor allem in den Armen sehr angespannt. Kein Arzt informierte mich über mögliche Nebenwirkungen des Medikamentes und ich hielt es nicht für nötig, jemanden in Kenntnis zu setzen.

 

Nach drei Wochen kam die Trennung... Mein Mann wollte nicht, dass ich noch mal nach Hause käme und die Kinder sollten bei Ihm bleiben. Da ich sowieso total zugedröhnt von den Medikamenten war, stimmte ich allem zu. Ich dachte mir damals, dass die Kinder bei ihm bestimmt eine sicherere Zukunft vor sich hätten. Dass er so dermaßen unsensibel ist hielt ich zwar für schlimm, aber es gab meiner Meinung keine andere Möglichkeit. Man einigte sich auf einen Unterhalt, ich bekam meinen Anteil an Hausrat und Vermögen zugesprochen, aber ich hatte weder eine Wohnung noch Arbeit und wäre ohne die Klinik obdachlos gewesen. Ich weiß bis heute nicht, wie die erste Zeit ohne mich für die Kinder war, denn wir reden nicht viel darüber. Sie wollen es anscheinend auch nicht. Ich habe Angst, dass herauskommen würde, dass sie deshalb eine sehr schlimme Zeit hatten. Heute sagen sie allerdings, dass es richtig war, sie bei ihrem Vater in der elterlichen Wohnung zu lassen. So hatten sie wenigstens nicht ihre gewohnte Umgebung und die Freunde verloren.

 

Die sozialrechtliche Beratung in der Klinik war katastrophal! Ein großes Problem sah ich in der Krankenversicherung, auf die ich ja aufgrund meiner Erkrankung besonders angewiesen war. Ich wusste damals noch nicht, ob ich überhaupt Anspruch auf Erwerbsminderungsrente hätte und sah mich bereits in der Grundsicherung. Meine Mitbewohnerin im Klinikzimmer hatte mir erzählt, dass sie in einer Behindertenwerkstätte arbeitete und wie dort alles ablief. Mir schien dies als gute Möglichkeit, der unsicheren Situation zu entkommen. Ich erkundigte mich bei der nächsten Visite danach. Die Bezugsschwester in der Klinik riet mir dann, mich dort zu bewerben, da ich dort wenigstens versichert sei und ein wenig Geld verdienen könnte. Man würde dort auch versuchen, mich wieder einzugliedern. Es gab einige Ideen, wo ich zum Wohnen untergebracht werden könnte, aber kurzfristig war nichts zu machen. Die Wartezeiten für Wohngemeinschaften, oder das damals neu aufgekommene betreute Familienwohnen betrugen durchschnittlich ein Jahr. Ich hatte auch große Angst, mit fremden Menschen zusammen zu wohnen. Mit Müh und Not kam ich um eine Betreuung herum, die die Geldsumme, die ich von meinem Mann bekommen hatte, sehr schnell hätte schmelzen lassen.

 

Man wollte mich nicht in die Obdachlosigkeit entlassen. Wer würde aber jemandem, dem man ansah, dass etwas mit ihm nicht in Ordnung war, der keine Arbeit hatte und der nach der Scheidung nicht mal mehr Unterhalt bekommen würde eine Wohnung vermieten? Überall erntete ich fadenscheinige Ausreden. Glücklicherweise erklärte sich dann meine Mutter nach vier Monaten Klinikaufenthalt auf meine Bitte hin dazu bereit, mich für die Zeit bis ich eine Wohnung finden würde bei sich aufzunehmen. Ich schlief auf der Couch im Wohnzimmer. Die Ärzte hatten verlangt, dass ich in die Tagesklinik überwechseln sollte, weil ich ja überhaupt keine Tagesstruktur hätte und es nicht gut sei, dass ich die ganze Zeit bei meiner Mutter Zuhause sitzen würde. Ich meldete mich dort an, durfte gehen und nach weiteren vier Monaten fand ich über meine Schwester und ihren Freund eine billige, kleine 2-Zimmer-Wohnung unter dem Dach bei dessen Eltern. Mein Bruder und seine damalige Frau halfen mir beim renovieren der Wohnung. Da ich nicht mehr in die Tagesklinik wollte, verbrachte ich die Tage meist total verängstigt, angespannt und grübelnd, mit zugekniffenen Augen und zusammengekrümmt und in eine Decke gewickelt auf meiner Couch. Die Gedanken drehten sich im Kreis. Schlafen konnte ich tagsüber nicht. Ich stand sehr unter Stress, die Nebenwirkungen quälten mich und ich traute mich nicht mal, den Fernseher längere Zeit einzuschalten, da ich Angst hatte,  meine Stromrechnung nicht mehr bezahlen zu können. Etwas zu unternehmen war mit 730 Euro im Monat, bei einer Miete von 360 Euro warm, viel zu teuer. Meine Rücklagen wollte ich nicht angreifen, da ich nicht wusste, was noch kommen würde. Außerdem hatte ich schlimmes Heimweh nach den Kindern, die ich nur am Wochenende sah. Mir war ständig nur zum Heulen, was ich aber, wohl durch die Wirkung der Medikamente auch nicht konnte. Angst vor einer ungewissen Zukunft war mein ständiger Begleiter. Die Stimmen waren zwar leise, aber immer zu hören.

 

Im Februar des folgenden Jahres fing ich dann in einer Werkstätte für psychisch kranke Menschen an. Ich fühlte mich eigentlich recht wohl dort obwohl es auch merkwürdige Leute gab, weil ich mich nicht verstellen musste. "In der Not frisst der Teufel Fliegen", lautet ein Sprichwort! Jeder dort hatte Probleme irgendwelcher Art! Neben Menschen, die noch nie auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt beschäftigt waren, arbeiten dort viele, die normale Berufe erlernt oder sogar studiert haben und dann z.B. irgendwann wie ich von einer chronischen Psychose oder anderen Erkrankungen getroffen wurden oder sich trotz der Krankheit jahrelang durch das Berufsleben gequält hatten. Die ersten beiden Jahre im Berufsbildungsbereich bekommt man dort keinen Arbeitslohn. Ich lebte von Übergangsgeld und reduziertem Unterhalt. Später stellte man fest, dass ich doch Anspruch auf Erwerbsminderungsrente hätte. Hätte ich schon vom Sozialdienst in der Klink umfassende Aufklärung und Unterstützung in sozialen und rechtlichen Belangen erhalten, wäre wahrscheinlich vieles anders verlaufen.

 

2007 wurden wir endgültig geschieden und ich bekam sogar einen kleinen, zeitlich unbegrenzten Unterhalt zugesprochen, da ich ja krank bin und meine Rente nicht fürs Leben gereicht hätte. Zwar hätte ich Anspruch auf einen höheren Betrag gehabt, aber der Richter machte das von einer weiteren Überprüfung meines Gesundheitszustandes abhängig. Weil ich eine aus heutiger Sicht unbegründete Angst hatte, dann vielleicht doch meine Rente wieder zu verlieren, sah ich davon ab.

 

Einige Jahre später entschloss ich mich, trotz der Kosten zwei ältere Katzen zu mir zu nehmen, damit ich in meiner Wohnung nicht so allein war. Ich hatte nun zwar geringe aber sichere Einkünfte, die es mir erlaubten für die Tiere sorgen zu können. Die Beiden waren immer da wenn ich nach Hause kam. Objektiv gesehen, war die Wohnung dafür aber viel zu klein. Dann kam noch ein Goldhamster dazu und ein Jahr später ein Zwerghamster. Meine Kinder waren zuerst alle zwei Wochen übers Wochenende bei mir und treffen sich seit sie erwachsen sind immer noch regelmäßig mir mir. Ihr Vater hat sehr darauf geschaut, dass sie den Kontakt zu mir nicht verlieren, denn gerade in der Pubertät wollen Kinder oft nicht mehr so viel von ihren Eltern wissen. Trotz der schlimmen Trennung halte ich ihm das zugute. Natürlich hatte er selbst dadurch auch immer einen Freiraum am Wochenende, den er nutzte um eine neue Beziehung aufzubauen. Heute ist er mit einer anderen Frau verheiratet.

 

Ich habe beschlossen in der Werkstatt zu bleiben da ich dort wenigstens Arbeit und Kollegen habe, was mir Tagesstruktur und soziale Kontakte gibt. In meinem Alter wäre alles andere auch nur Traumtänzerei; vor allem auch bei den heutigen Verhältnissen in der Arbeitswelt. Ich war jahrzehntelang aus meinem erlernten Beruf raus und das Stigma meiner Erkrankung würde es mir sicher sowieso verwehren, an einer Stelle auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt vollständig akzeptiert zu werden. Ich vermute, ich würde besonders auch wegen meiner extrem langen Abwesenheit vom Arbeitsmarkt immer nur schlecht bezahlte Hilfstätigkeiten bekommen, die andere nicht machen wollen. Vielleicht hängt mir aber einfach auch noch die Paranoia nach. In der Werkstatt muss ich mir keine Sorgen machen, wegen eines eventuellen Rückfalles die Arbeit zu verlieren, den ich dann für möglich halten würde wenn ich mich überlasten oder die Medikamente weglassen würde. Man wird nur bei Fremd- oder Eigengefährdung gekündigt, so lange der Träger die Kosten übernimmt. Ich habe für Werkstattverhältnisse einen einigermaßen erträglichen Zuverdienst. Allerdings ist es sehr, sehr wenig für eine tägliche Arbeitszeit von 8 bis 16 Uhr und das Image, in einer Behindertenwerkstatt zu arbeiten oder überhaupt psychisch krank zu sein, kommt bei den sogenannten "Normalen" gar nicht gut an. Neue Bekanntschaften gestalten sich schwierig. Vordergründig tut man zwar sehr verständnisvoll, aber man zieht sich dann auch recht schnell wieder zurück.  Es ist wahrscheinlich zu viel, sich mit Problemen zu belasten, die ein psychisch Kranker mitbringen könnte.

 

Inzwischen konnte ich mein Medikament so weit reduzieren, dass ich keine, jedenfalls keine belastenden, Nebenwirkungen mehr spüre. Ich habe aber in den letzten Jahren einiges an Gewicht zugenommen, deshalb einen erhöhten Blutdruck und laufe Gefahr, irgendwann an Diabetes oder an einer Herz-Kreislaufschwäche (metabolisches Syndrom) zu erkranken. Meine EKG-Werte sind zeitweise schon jetzt nicht in Ordnung und meine Hormonwerte stimmen in einem Bereich (Prolaktinwert) auch nicht mehr, wodurch die Gefahr besteht, an Osteoporose durch Östrogenmangel oder Brusttumoren zu erkranken. Die Stimmen sind sehr leise so lange ich nicht unter Stress stehe. Tagsüber, wenn ich unter Menschen bin, höre ich sie eigentlich nicht mehr. Ich verstehe inzwischen sowieso nur sehr selten, was sie sagen.

 

Trotz allem ist das Leben zur Zeit für mich bei Weitem besser als früher.

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Schlendrian (Samstag, 04 August 2018 18:21)

    Habe mir das alles gerade mal durchgelesen und wollte dir hinterlassen, dass du sehr stark bist, Hut ab. Du hast viel hinter dir mit der Erkrankung.
    Ich wünsche dir, dass du auch zukünftig niedrigdosiert durch die Welt rennen kannst und die Psychosen Fernbleiben von dir.

    Lg
    Schlendrian

  • #2

    ALXDO (Sonntag, 02 September 2018 18:46)

    Vielen lieben Dank, Schlendrian!