Heuschober

 

Die Familie meines Onkels und meiner Tante hatte einen landwirtschaftlichen Betrieb. Das Anwesen lag zwar im Ortsinneren, wo es neben einem großen Hausgarten und mehreren Scheunen und Ställen zwei Zugpferde, ein paar Kühe, Hühner und eine Muttersau mit Ferkeln gab, aber außerhalb gab es auch viele Felder, wo Rüben, Getreide oder Obst angebaut wurden. Auf den Obstbaumwiesen wurde auch Heu gemacht.

 

Eines Tages im Frühherbst kam mein Onkel bei uns vorbei. Bei einer Tasse Kaffee erzählte er uns, dass er Birnen ernten wollte und ob ich nicht Lust hätte, mitzukommen. Der J. wollte auch mitkommen und wir könnten dann beim Auflesen der Birnen helfen und spielen. J. war der Sohn von Bekannten meines Onkels. Er ging in meine Parallelklasse in der Grundschule und ich war ihm schon vorher ab und zu begegnet. Ich hielt ihn für einen netten Jungen.

 

Es war ein warmer, sonniger Nachmittag und da ich wusste, dass in der Nähe der Wiese eine winzige Quelle war, wo das Wasser mitten auf dem Weg aus der Erde sprudelte und ich hoffte, eine Weile dort sein zu können, wollte ich mitgehen. Ich spielte gerne am Wasser. Wir fuhren also in flirrender Hitze auf dem alten, grünen Traktor mit dem klapprigen Anhänger über holprige Feldwege zur Obstwiese.

 

Natürlich hatten wir nicht lange Lust zu helfen. Nachdem wir in einem Strauch ein Fasanengelege mit vielen hellbraunen Eiern gefunden hatten, sie aber nicht rausnehmen durften, machten wir uns davon und spielten an der Quelle. In der Nähe der Wiese gab es auch einen uralten, ungestrichenen Heuschober, wo man von unten über eine vom Alter schon silbrig glänzende Holzleiter nach oben klettern konnte. J. meinte, wir könnten doch dort oben spielen. Ich hatte zwar Bedenken, dass das zu hoch sei, aber ich überwand meine Höhenangst. Oben lag jede Menge Heu, woraus wir uns Betten bauten. Merkwürdigerweise hatte ich damals noch keine Angst, dort Spinnen zu begegnen, vor denen ich heute Panik bekomme.

 

Als wir eine Weile mit Heu nacheinander geworfen hatten, meinte J. plötzlich breit grinsend, wir könnten doch knutschen. Erwachsene würden das auch machen. Ich war ziemlich erschrocken und ganz und gar nicht begeistert. Ich sagte, dass man das nicht darf. Wir seien ja Kinder!

 

Ich kletterte dann fluchtartig runter und blieb den Rest der Zeit bei meinem Onkel. J. rief uns dann von Weitem zu, er würde zu Fuß nach Hause gehen. Mein Onkel reagierte zwar verwundert, fragte aber nichts. Wahrscheinlich dachte J., ich hätte ihn an meinen Onkel verpfiffen, was ich aber nicht getan hatte. Er war ja nicht aufdringlich gewesen. Noch viele Jahre später war das sogar meine einzige Erinnerung, wo ich das Gefühl hatte, dass jemand mich als Person irgendwie anziehend fand.