Liebe?

 

Im letzten Jahr meiner Teilnahme am kaufmännischen Berufskolleg traf mich Amors Pfeil. Es passiert bei mir zwar äußerst selten, aber wenn dann so, dass ich mich von Jetzt auf Gleich total heftig verliebe. Bei einem Kerl muss für mich alles passen, vor allem aber dass das Aussehen und das Verhalten passt. Erst mal einfach irgendwen Kennenlernen und dann über mehr entscheiden geht nicht. Wenn das dann so ist, ist es aber für mein sensibles und schüchternes Nervenkostüm zu heftig! Ich konnte nie richtig damit umgehen. 

 

Es war morgens in der Frühstückspause, als ich am Verkaufsstand des Hausmeisters wartete und gedankenversunken zum gegenüberliegenden Fenster hinausschaute. Draußen standen ein paar junge Männer und unterhielten sich. Einer von ihnen, dunkelblond mit Dreitagebart und ziemlich attraktiv, hatte eine Zigarette zwischen den Fingern und zog dann genüsslich daran. Ich schaute ihn an und es traf mich wie ein Blitz. Ich konnte nicht mehr wegsehen. Oh Mann! Plötzlich bemerkte er, dass ich ihn anstarrte und hob mir fragend das Kinn entgegen. Ich bekam Angst, wurde knallrot, schaute schnell weg und griff meine Brezel, zahlte und machte mich davon.

 

Danach sah ich ihn lange Zeit nicht mehr, obwohl ich ab und zu in den Pausen nach ihm schaute...

 

 

Bis ich ein Jahr später meine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau in der Zoohandlung begann...

 

Am ersten Tag meiner Ausbildung stellte mich der Juniorchef der Verkäuferin B., einem weiteren Lehrling T. im zweiten Lehrjahr und einem Azubi der auch so hieß vor, der gleichzeitig mit mir angefangen hatte. Plötzlich sagte er dann noch: „Und dann haben wir noch den J.. Der ist auch im zweiten Lehrjahr und im Augenblick in der Berufsschule.“ Ich fragte mich, warum er das so betonte, schaute ihn kurz fragend an, dachte dann aber nicht weiter darüber nach.

 

Zwei Tage später sah ich ihn. Der fehlende Auszubildende war der junge Mann, den ich damals gesehen hatte. Ich freute mich, war aber gleichzeitig auch geschockt weil das sicher nur Porbleme bringen würde, konnte mich dann aber beherrschen und er schien mich auch nicht wiederzuerkennen. Ich sagte nichts... Außerdem hatte er eine Freundin. Ich hatte ihn die ganze Zeit in der Berufsschule, die dem Berufskolleg angegliedert war nicht mehr sehen können, weil er einen Motorradunfall hatte und lange krank geschrieben war. Alle Beschäftigten waren über 18, wohl weil die Zoohandlung in der Nähe des Rotlichtbezirkes lag. Der Chef wollte keine minderjährigen Angestellten.

 

Die erste Zeit hatte ich große Probleme. Ich fühlte mich psychisch total angespannt, weil ich Angst hatte dass er etwas merkt, oder Fehler zu machen und deshalb gekündigt zu werden. Jeden Tag taten mir vom langen Stehen die Füße weh. Der Seniorchef und die Chefin waren recht nett, aber auch streng. Man durfte sich nur in den Pausen hinsetzen. Die beiden waren schon sehr alt. Der Juniorchef war nur sporadisch anwesend. Wie sich dann herausstellte, stand er auf Männer und lebte das auch intensiv aus. Die Arbeit mit den Tieren und das Verkaufen machte mir aber großen Spaß.

 

Ich versuchte, mit den anderen in Kontakt zu kommen und verbrachte die Mittagspausen oft mit B.. Wir gingen manchmal irgendwo etwas essen, oder saßen mit unserem Vesper auf einer Parkbank in der Nähe. Manchmal kamen auch die Jungs dazu.

 

Mit der Zeit lebte ich mich ein und irgendwann trennte sich J. von seiner Freundin. Den Grund dafür kenne ich nicht. Ein paar Jahre später traf ich sie an meiner neuen Arbeitsstelle in der Zooabteilung eines Kaufhauses wieder, wo sie ebenfalls arbeitete und in Hinsicht auf ihn meinte, „Man konnte mit ihm gut Schach spielen“. Lief da eventuell gar nicht mehr? Ich war jedenfalls scharf auf ihn, konnte es aber nicht zugeben. In Gedanken spielte ich alles mögliche mit ihm durch und stellte mir vor, vielleicht später mit ihm zusammen ein eigenes Geschäft zu eröffnen. Er hatte gesagt, er wolle sich nach der Ausbildung selbständig machen, was er dann einige Jahre später auch tat. Das Geschäft hielt sich aber nicht lange. Leider legte mir meine Schüchternheit wieder mal Steine in den Weg und er reagierte nur neutral auf mich. Für ihn waren wir halt einfach Kollegen. Aufdrängen konnte ich mich schon wegen meiner Unsicherheit bezüglich meines Aussehens nicht.

 

Als er mit der Ausbildung fertig war, musste er zur Grundausbildung zur Bundeswehr. Ich war verzweifelt, als er nicht mehr da war. Ab und zu besuchte er uns aber.

 

Ich glaube, es war in dieser Zeit, als ich etwas Merkwürdiges erlebte, das man eventuell als den Beginn des richtigen Stimmenhörens definieren könnte.

 

Ich war in der Mittagspause unterwegs und gerade im Begriff ein großes Kaufhaus zu betreten, als ich eine Frau durch die Rufanlage (Videoüberwachung gab es auch) sagen hörte: „Gell, der Knäckes!“ Anschließend lachte die weibliche Stimme. „Knäckes“ war der Spitzname meines Schwarmes und er hatte erzählt, dass seine Mutter im Verkauf arbeiten würde. War sie das gewesen? Arbeitete sie hier? Kannte sie mich und wollte sich so über mich lustig machen? Ich beherrschte mich und tat so, als ob nichts gewesen war, fand es aber ziemlich übergriffig, falls sie es wirklich war, so was in aller Öffentlichkeit zu machen.

 

Nach seiner Grundwehrzeit kam er zurück. Mein Chef hatte mich gefragt, ob das OK für mich sei. Inzwischen war der Senior verstorben und seine Frau nur noch sporadisch im Geschäft. Der Junior kümmerte sich nicht wirklich viel um den Laden.

 

Da ich meine Ausbildung aufgrund der Absolvierung des Berufskollegs auf zwei Jahre verkürzen konnte, war ich zu der Zeit schon fertig und arbeitete als Einzelhandelskauffrau. Allerdings beschränkten sich meine Tätigkeiten meistens auf die einer Verkäuferin, weil alle Büroangelegenheiten von einem Steuerbüro erledigt wurden. Die vorherige Verkäuferin hatte inzwischen gekündigt. Sie hatte geheiratet.

 

Mein Chef bot mir an, mir den IHK-Lehrgang zum Ausbilder zu finanzieren, weil er oft längere Zeit weg war und jemand für die neuen Lehrlinge da sein musste. Ich sagte zwar zu, aber der Lehrgang erwies sich aufgrund meiner wohl damals schon vorhandenen Wahngedanken und Paranoia für mich als Katastrophe. Aus heutiger Sicht hatte ich auch merkwürdige Gedankengänge in Hinsicht auf den Grund dafür, dass ich den Lehrgang machen durfte. ZB. dachte ich, er wollte mich mit anderen Kursteilnehmern verkuppeln, damit ich von J. los kam, obwohl nie etwas über diese leidige Sache gesprochen worden war. Ich bestand die Prüfung jedenfalls mit Müh und Not.

 

Ich kaufte mir einen völlig heruntergekommenen Opel Kadett, weil auch J. so einen fuhr.

 

Eines Tages beschloss ich, Nägel mit Köpfen zu machen und lud mich bei J. zu einer samstäglichen, privaten Einkaufsfahrt ins Schwäbische ein. Er wollte privat Buntbarsche für seine Fischzucht kaufen. Ich stellte mir zwar vorher schon vor, dass dabei vielleicht etwas zwischen uns passieren könnte und duschte vorsichtshalber, aber so richtig glaubte ich das nicht. Meine Mutter roch jedenfalls den Braten und war ziemlich wütend als er klingelte. Ihre giftige Aussage, „Des Judenbärle net!“ , die sie direkt vor ihm äußerte, sagt schon alles. Ich fand sie total unmöglich und fühlte mich völlig blamiert! Er musste ja total beleidigt sein, sagte aber nichts dazu. Keine Ahnung, was sie gegen ihn hatte. Ich war damals so etwa 23. Wir redeten kaum während der Fahrt und kurz bevor wir wieder zu Hause waren meinte er noch: „Und nun wieder zurück ins Hotel Mama?“

 

Als ich zu Hause ins Wohnzimmer kam, saß meine Mutter heulend in ihrem Sessel. Mein Vater war nicht da. Ich erwartete sofort den Ausdruck "Schande" weiß aber nicht mehr, ob wir überhaupt miteinander geredet haben. Ich ging in mein Zimmer und schämte mich fürchterlich. Ich war auch beleidigt, dass sie so was über ihn gesagt hatte und heulte mir fast die Augen aus dem Kopf. Ich traute mich kaum zur Arbeit vor lauter Scham und er hatte wohl auch tatsächlich mit den anderen darüber geredet. Morgens kam noch ein Anruf für J..  Als der Chef fragte, wer das war, meinte er nur verärgert, „Die Alte“. Heute denke ich, er meinte damit die Seniorchefin. Damals dachte ich aber, meine Mutter hätte angerufen.

 

Ein paar Tage später sagte ich ihm endlich, dass ich ihn gern hätte, aber er erwiderte darauf nur, er sein „ein Muster ohne Wert“ und ich antwortete, dass es ja klar war, dass er mich nicht wollte... Mehr konnte ich nicht sagen.

 

Meinte er damit, dass er schwul sei, oder wollte er mich nur einfach nicht? Ich war am Boden, verdrückte mich ins Lager und versuchte dort weiter zu arbeiten, weil niemand sehen sollte, dass ich heulte. Irgendwann, kam mein Kollege T. rein und ich sagte ihm, dass ich nicht mehr konnte. Ich meinte, dass es mir schlecht ging und fuhr nach Hause.

 

Es war einfach schrecklich. Blamage pur! Erst mit der Zeit ging es wieder. Krank schreiben ließ ich mich nicht, weil ich nicht wusste, dass man das wegen so etwas konnte.

 

Meine Schwester schleppte mich in eine Freizeitgruppe. Sie meinte, ich müsste unter Leute. Einige von denen wussten wohl, wie es mir zu der Zeit ging. Einmal, es war Sommer, fuhren wir zu einem sehr schönen Badesee in der Nähe, wo ich ab und zu alleine oder mit meinem Bruder hin ging. Ich wusste, dass J. oft dort war und legte mich deshalb normalerweise an eine völlig andere Stelle als die an der ich ihn vermutete. Dieses Mal wollten die anderen aber dorthin wo er normalerweise war. Ich dachte, er wäre wahrscheinlich nicht da und ging mit. Er war dann zusammen mit T. doch dort. Kurzsichtig ohne meine Brille erkannte ich ihn trotzdem, als ich in einiger Entfernung seinen Kopf aus dem Wasser ragen sah. Wahrscheinlich hatte das die doofe A. eingefädelt. Keine Ahnung was das sollte. Ich war wütend, sagte aber nichts. Als sie vorbeigingen grüßten wir uns nur kurz. Am besten wäre es wahrscheinlich gewesen, schnurstracks wieder zu verschwinden, aber ich dachte, dem zeig ichs und plantschte mit einem der Jungs im Wasser herum, um ihn eifersüchtig zu machen, was natürlich nichts brachte. Montags hörte ich, wie er mit dem anderen Kollegen über uns redete. Er sagte, da müsse ein ganzes Nest von solchen Typen sein. Das sagte schon alles...

 

 

Jedenfalls ging ich dann mit der Zeit eine Beziehung mit meinem späteren Mann ein, der auch in der Freizeitgruppe war, und kündigte in der Zoohandlung, weil ich J. nicht mehr um mich haben konnte.