Nach der Ausbildung

 

Wie bereits erzählt, konnte ich in der Zoohandlung die Nähe zu meinem Kollegen, der sowieso nichts für mich empfand, nicht mehr aushalten. Ich wollte mich nur noch meinem Freund zuwenden und fand es deshalb sicherer, ihn nicht mehr zu sehen zu müssen.

 

Deshalb bewarb ich mich bei der Zoohandlung des Kaufhauses Hertie und bekam dort auch eine Stelle. Mein Chef war nicht gerade begeistert, denn er hatte mir vorher noch die Ausbilderprüfung finanziert, damit er Lehrlinge einstellen konnte, aber nicht immer im Geschäft anwesend sein musste.

 

Leider waren in dem Kaufhaus größere Umbaumaßnahmen im Gange. Die Zoohandlung, die vorher ein ganzes Stockwerk eingenommen hatte, wurde verlegt und war dann zwar viel moderner, aber nur noch halb so groß. Zwei der Verkäuferinnen wurden in andere Abteilungen versetzt und waren darüber ziemlich wütend. Ich durfte bleiben, fühlte mich aber sehr unsicher.

 

Wahrscheinlich hatte ich dort auch ab und zu akustische Halluzinationen und ich hatte keine Ahnung von den vielen Formularen die man ausfüllen musste, was mich sehr verunsicherte. Als ich einmal das Gehege der Wickelbären putzte, hörte ich vor der Glasscheibe zwei Kollegen miteinander über mich reden. Unsere Verkäuferin sagte zu unserem Tierpfleger: „Die ist noch besser als die andere!“ Die Andere war eine geistig behinderte Frau, die in der alten Zoohandlung die Gehege geputzt hatte. Ihr war vor dem Umzug gekündigt worden. Ich fühlte mich beschämt weil sie mich mit ihr verglichen. Eigentlich konnte man das aber durch die Glasscheibe gar nicht hören.

 

Ich hatte mich bereit erklärt, sonntags die Tiere zu füttern. Wenn man dann dort morgens in das riesige und einsame Kaufhaus kam, war außer dem Hausmeister unten an der Pforte kein Mensch anwesend. Fast alles war dunkel und ich gruselte mich vor den dunklen Schatten. Nur in dem Bereich, den ich betreten musste, waren die Bewegungsmelder ausgeschaltet und ein paar Lampen brannten. Die Rolltreppen waren ausgeschaltet und man musste hochsteigen. Die Arbeitszeit störte mich allgemein. Jeden Tag bis 19.30 Uhr, Samstags manchmal lang und nun auch Sonntags. Ich wollte mehr Zeit mit meinem Freund verbringen.

 

Nach fast einem halben Jahr stand die Entscheidung an, ob ich übernommen werden sollte und ich entschied mich, meinen Beruf nicht weiter auszuüben. Das war aus heutiger Sicht eine klare Fehlentscheidung, aber die Krankheit hätte mir wahrscheinlich sowieso früher oder später einen Strich durch die Rechnung gemacht.

 

Zwei junge Frauen aus unserer Clique, B. und M., sie sind Schwestern und B. wurde später auch meine Trauzeugin, arbeiteten seit einiger Zeit in einem Produktionsbetrieb für medizintechnischen Bedarf. Es wurden damals dort hauptsächlich Katheter hergestellt. Die Tätigkeit die sie dort ausübten, war eine Anlerntätigkeit und ich traute mir zu, das zu können. Der Betrieb lag zu der Zeit im selben Ort wo mein Freund wohnte und wir wollten ja sowieso zusammen ziehen. Ich wurde eingestellt, aber aller Anfang war schwer. Die ungewohnte handwerkliche Tätigkeit mit schleifen, Spitzen ziehen, weiten, polieren, bördeln usw., war Anfangs ziemlich schwierig für mich. Oft hatte ich Sorge, ob es nicht ein Fehler gewesen war, in der Zoohandlung zu kündigen. Ich hatte Angst, am Ende ohne Arbeit auf der Straße zu stehen. Nach einiger Zeit brach dann der Knoten und ich bestand die Probezeit.

 

Die Produktion war ein richtiger Hühnerstall. Fast nur Frauen, meistens noch recht jung, und jeder redete über jeden. Es gab Frauen mit denen ich gut auskam aber auch welche, wo ich vorsichtig war, zu viel zu sagen. Einiges von dem Gerede kam aus heutiger Sicht mit Sicherheit aber von meinen Stimmen und war nicht real. Die Vorarbeiterin war als sehr schnippisch bekannt und man nahm sich vor ihr in Acht. Sie hatte auch bei den Gehaltserhöhungen ein Wort mitzureden.

 

Ich schwärmte insgeheim ein wenig für einen der Produktionsleiter, der recht gut aussah. Mit der Zeit wurde ich ziemlich gut in meiner Arbeit, konnte auch als Springer arbeiten und jedes Jahr bekam ich eine kleine Lohnerhöhung. Ich hoffte immer, Gruppenleiterin zu werden oder sonst irgendwie aufzusteigen, aber anscheinend brauchte man dafür mehr Vitamin B als ich es hatte.

 

Nach einiger Zeit musste sich die Firma vergrößern und wir zogen in ein Industriegebiet in einem anderen Stadtteil. Es wurde eine komplett neue Anlage gebaut. Wir hatten eine moderne Kantine und einen betriebseigenen Kindergarten. Inzwischen war ich mit meinem Freund zusammengezogen. Ich führte den Haushalt und arbeitete Vollzeit. Freitags nach der Arbeit kaufte ich ein, putzte die Wohnung und wusch nebenbei die Wäsche. Eigentlich wäre es eine schöne Zeit gewesen, aber ich dachte oft noch an meinen früheren Kollegen, und die Nähe seines Elternhauses zu unserer Wohnung war eher nicht so gut. Ständig hatte ich Angst, ihm draußen zu begegnen, sehnte mich aber gleichzeitig auch danach.

 

Die Vorarbeiterin heiratete und ging weg. Meistens kündigten die, die heirateten. Wir bekamen dann einen Vorarbeiter, der netter als Frau R. war. Inzwischen durfte ich neue Mitarbeiterinnen einlernen.

 

Nach etwa vier Jahren wurde ich schwanger. Mit mir zusammen waren noch drei andere der jungen Frauen in anderen Umständen und wir machten ein Gruppenbild, das ich nach der Geburt von den Kollegen geschenkt bekam.

 

 

Alles hätte gut sein können, wenn da nicht ständig der Gedanke gewesen wäre, dass mich die anderen nicht leiden konnten und über mich redeten. Ich fühlte mich benachteiligt und hatte immer noch den fixen Gedanken an den früheren Kollegen, war aber sehr stolz über meine Schwangerschaft. Im April 1991 heirateten wir, aber die Hoffnung, dass dann alles gut werden würde, bestätigte sich leider nicht. Als ich in den Schwangerschaftsurlaub ging, hatte ich schon Angst vor der Geburt und der Zeit danach.