Opa Wilhelm

 

 

Mein Großvater väterlicherseits hieß Wilhelm; ein mittelgroßer, hagerer und ausgehärmter Mann. In meiner Kindheit war er schon sehr alt und starb noch vor der Geburt meines Bruders. Von Beruf war er Goldschmied, war aber berentet. Meine Großmutter, die Ulrike hieß und nach der ich meinen zweiten Vornamen bekam, lernte ich nicht mehr kennen. Ich weiß auch nicht an was sie starb, aber ihre Familie war in dem Dorf wo sie lebten schon immer einheimisch. Es gibt auch heute noch einige Verwandte dort, mit denen meine Familie außer mein Bruder durch eine Vereinstätigkeit dort aber überhaupt keine Kontakte mehr hat. Ich meine mich an ein Bild von ihr zu erinnern, auf dem sie eine kleine, ausgezehrte Frau war.

 

Opa Wilhelm kam jahrelang Sonntags zu uns zum Essen. Es gab meistens den gleichen Rinderbraten mit Sauce, Spätzle und Salat mit großen Zwiebelstücken. Ich hasste Zwiebelstücke im Salat und in der Sauce, aber meine Mutter ließ sich nicht davon abbringen, sie rein zu tun. Auch kleiner schneiden wollte sie sie nicht. Ganz selten wurde auch eins unserer Stallkaninchen geschlachtet, das es dann anstatt des Rinderbratens gab. Ich weiß nicht, wie er zu uns gelangte, denn ich glaube, zu der Zeit hatte mein Vater noch kein Auto. Entweder er ging die Strecke vom Nachbarort bis zu uns, oder er fuhr mit dem Bus. Nach dem Essen machten wir einen Spaziergang im Wald und danach gab es Kaffee und Kuchen.

 

Er hatte eine winzige und düstere Wohnung im Erdgeschoss seines Häuschens und züchtete im dazugehörigen Schuppen Tauben. Das Haus lag direkt neben einem kleinen Flüsschen und es gab zum Ufer hin einen kleinen, verwilderten Garten. Wenn wir bei ihm waren, bekam ich immer Hohes-C-Orangensaft. Das war sein Lieblingsgetränk.

 

Irgendwann wurde er dann immer schwächer, stürzte zu Hause und man beschloss, ihn in ein Altenheim zu geben. Er hatte zwar außer meinem Vater noch einen zweiten Sohn, der mit seiner Frau bei ihm im Haus im Obergeschoss lebte, die aber beide dem Alkohol verfallen waren, sehr stark rauchten und auch körperlich krank waren. Sie konnten ihn wohl nicht pflegen. Später mussten meinem Onkel beide Beine abgenommen werden und man sprach von Tuberkulose. Sie hatten nur ein Kind; eine Tochter. Ich hatte immer Angst bei ihnen zu sein. Mit unserer Cousine haben wir heute ebenfalls keinen Kontakt mehr. Sie ist nicht verheiratet und hat eine Tochter.


Im Altenheim, einem hässlichen Plattenbau außerhalb von Durlach, das einen schlechten Ruf hatte, besuchte mein Vater unseren Großvater oft. Ich war nur einmal dabei. Er lag zusammen mit einem anderen Mann in einem kleinen Zimmer, das eher nach Krankenhaus aussah, als nach einer gemütlichen Wohnstätte. Es gab zwei Metallbetten, zwei Schränke, ein Waschbecken und zwei Nachttischchen. Alles war in sterilem Weiß gehalten. Außerdem schien schon länger nicht renoviert geworden zu sein. Aber wahrscheinlich waren früher die meisten bezahlbaren Altenheime so. Ich kannte damals kein anderes.

 

Nach nicht allzu langer Zeit begann mein Großvater zu halluzinieren, wurde dement und starb dann nicht viel später. Wie er genau gestorben ist, kann ich nicht sagen. Ich erinnere mich nur noch, dass wir damals an seinem Grab gestanden haben.

 

 

Mein Onkel erbte das Haus und mein Vater einen kleinen und ziemlich wertlosen Garten in einem Wasserschutzgebiet in der Nähe. Ich glaube nicht, dass mein Onkel meinem Vater etwas als Erbteil für das Haus hätte auszahlen können.