Spanienurlaub 1996

 

Seit ich mit meinem Mann zusammen war, fuhren wir meistens mit unseren Freunden in Urlaub. Als dann unser Sohn geboren war und ich krank wurde, ging das nicht mehr so oft.

 

Im September 1996 beschlossen wir dann aber, doch mal wieder für drei Wochen zusammen nach Spanien zu fahren. Vorher waren wir ab und zu alleine weg gewesen. Es sollten zwei befreundete Paare, meine Schwester und ihr Freund, sowie seine jüngere Schwester mit ihrem Freund und noch ein Verwandter eines der befreundeten Paare mitfahren. Mein Mann und ich nahmen unseren damals fünfjährigen Sohn mit. Er sollte auch mal das Mittelmeer und Palmen zu sehen bekommen. Unsere Tochter war noch etwas klein und ich hatte Bedenken wegen Durchfallerkrankungen. Sie sollte in der Zeit bei meinen Eltern bleiben. Ich hatte deshalb aber gleich ein schlechtes Gewissen.

 

Meine Psychose war in diesen Jahren sehr florid. Die Stimmen quasselten die ganze Zeit und ich hatte gewisse Wahnideen. Zum Beispiel dachte ich immer, die Stimmen nähmen Einfluss auf die Mitarbeiter der Radio- und Fernsehsender. Nur deshalb und explizit für mich würden bestimmte Lieder gespielt oder Dinge gesagt, die auf das passten, was ich dachte oder um mich herum geschah. Das nennt man Beziehungsdenken. Ich unterhielt mich in Gedanken mit den Stimmen. Weil ich davon immer so müde und träge wurde, nahm ich mein Medikament nicht so wie es verordnet war. Die Nebenwirkungen waren einfach nicht auszuhalten.

 

Wir fuhren mit mehreren Autos und unser Sohn freute sich sehr auf den Urlaub. Er fragte uns die ganze Zeit ein Loch in den Bauch. Unser Hotel lag in Salou an der Klippe direkt am Meer und nahe einer kleinen Bucht. Wir hatten ein Zimmer mit Bad, Balkon mit Meerblick und kleiner Küche, das recht OK war. Leider wurde dem Kleinen einiges zu viel. Er war oft total müde und schlief deshalb einfach ein. Wir unternahmen viel außer am Strand zu sein und machten zB. Ausflüge zu einem Safari- und Badepark im Landesinnern und nach Tarragonna. Wir fuhren mit einem Bus durch das Safarigelände und wieder war der Kleine nach dem Baden so erschöpft, dass er in meinen Armen einschlief.  

 

Bei der Busfahrt sah ich plötzlich zwei Tiger auf uns zukommen, die sich theatralisch hinlegten und mir scheinbar direkt in die Augen schauten. Ich hatte plötzlich das Gefühl, sie wurden von den Stimmen gelenkt und war total überwältigt von ihrer Schönheit. In dieser Zeit war sowieso die ganze Natur für mich besonders. Die Farben waren kräftiger und alles schien viel schöner als normal zu sein. Allerdings passte meine Stimmung überhaupt nicht dazu, denn ich war sehr bedrückt. Ich fand, man hätte auf den Kleinen einfach mehr Rücksicht nehmen sollen, denn er hatte nun überhaupt nichts davon weil er alles verschlief.

 

Eines Abends machten wir einen Spaziergang beim Hotel, wo am Straßenrand ein riesiger Findling lag. Jugendliche hatten darauf den Spruch „Tu puta madre“ gesprüht, was „Du Hurenmutter“ heißt. Sofort brachte ich es damit in Verbindung, dass ich meine Tochter zu Hause gelassen hatte und dass die Stimmen meinen Blick darauf gelenkt hätten. Ich hatte das Gefühl, dass diese Aussage völlig richtig sei. Ich war mit Sicherheit eine schlechte Mutter! Meine Stimmung sackte ins Bodenlose!

 

Da unser Sohn bei uns im Zimmer schlief, verlief das Eheleben natürlich nicht so ausschweifend, wie es sich mein Mann gewünscht hätte und ich denke, er merkte auch, dass ich voll auf dem Tripp war obwohl ich nie etwas über meine Wahrnehmungen sagte. Völlig aus dem Nichts heraus fing er nach zwei Wochen, kurz vor unserem Umzug in ein anderes Hotel, Streit mit mir an. Er wollte nach Hause! Ich vermute, unsere Freunde gaben mir die Schuld und versuchten auch nicht, ihn umzustimmen. Als die anderen das Hotel wechselten, packten wir unsere Sachen  und fuhren nach Deutschland zurück.

 

 

Am meisten tat mir dabei der Kleine leid, denn er merkte natürlich, dass wir Streit hatten. Auch in späteren Jahren verschlechterte sich die Laune meines Mannes immer dann schlagartig, wenn Urlaub mit mir und den Kindern angesagt war. Ich denke, schon damals wünschte er sich eigentlich einfach etwas anderes als eine verrückte Frau, und noch dazu Kinder mitschleppen zu müssen.