Tunesien

 

Rechts von mir saß mein Mann, links von mir eine mir unbekannte, ältere Frau. Ich hatte schweißnasse Hände und Stirn und wahnsinnige Angst. Ich warf der Frau einen verzweifelten Blick zu und sie lächelte mich wissend an. Es gab einen plötzlichen Ruck, dann einen starken Schub und ich wurde in den Sitz gepresst. Unser Flug nach Afrika hob ab – Urlaub in Sousse in Tunesien!

 

Es hatte lange Diskussionen darum gegeben, ob wir im Ausland oder wieder mal in den Bergen Urlaub machen sollten. Ich wollte aber etwas Neues sehen. Als ich meinen Mann überzeugt hatte, ging ich ins Reisebüro und suchte die Reise heraus. Unsere besten Freunde B. und T., gleichzeitig auch unsere Trauzeugen, wollten mitfliegen.

 

Zu der Zeit hörte ich, wie eigentlich schon jahrelang massiv Stimmen und litt außerdem unter dem Gefühl, von einer mir unbekannten Gruppierung beobachtet zu werden, die aber primär mit den Stimmen nichts zu tun hatte. Ich war die ganze Zeit in Vermutungen verstrickt, was die Stimmen nun eigentlich waren und bat meinen Psychiater, Dr. E. um eine Einschätzung meines Zustandes. Er meinte dann, da ich ja im Urlaub nicht so sehr unter familiärem Stress stehen würde, könnte ich die Medikamente in der Zeit gerne vollends absetzen.

 

Ich war total überrascht, aber froh, mal von der ständigen Erschöpfung loszukommen. Ich hatte das Medikament damals sowieso nur in einer sehr geringen Dosis eingenommen und kam trotz der Symptome im Alltag zurecht. Ich glaube es waren morgens und abends jeweils 10 Tropfen Impromen, die ich aber nicht allzu regelmäßig einnahm, weil es mich doch beeinträchtigte. Ich beschloss, das Medikament vorsichtshalber trotzdem mitzunehmen.

 

Der Flug war schrecklich. Ich konnte, trotz dass ich in der zweiten Reihe saß, durchs Fenster zur Erde hinunter schauen und ständig kam mir der Gedanke, was passieren würde wenn das Flugzeug einen Triebwerksschaden hätte oder wenn Vögel in die Turbinen fliegen würden. Es war so unendlich hoch. Ich habe sowieso Höhenangst. Vielleicht würden auch die „Stimmen“ dafür sorgen, dass wir abstürzten. Daraufhin hörte ich die eine männliche Stimmen sagen: „Nie! Es sind doch Kinder an Bord!“ Das beruhigte mich aber irgendwie trotzdem nicht allzu sehr. Das Flugzeug konnte auch ohne das Zutun der Stimmen abstürzen!

 

Ich war froh, als wir glücklich landeten und als wir aus dem Flugzeug traten, schlug uns die feuchtheiße, tropische Luft entgegen. Wir mussten ein Touristenvisum beantragen und eine gewisse Geldsumme umtauschen. So weit ich weiß, konnte man damals D-Mark in tunesische Dinar erst im Land umtauschen. Später machten wir das auch ein paar mal im Hotel selbst, wobei man gut aufpassen musste, dass man auch die richtige Summe herausgezählt bekam.

 

Wir wurden von einem Shuttlebus abgeholt und zum Hotel „Hill Diar“ gebracht. Die Sonne brannte auf uns herunter, genau wie auch die restlichen zwei Wochen. Nach einer Begrüßung im Foyer bekamen wir kleine, einfache Bungalows aus Beton zugeteilt, in denen sich ein Schlafzimmer und ein Bad befand. Davor war eine kleine Terrasse mit Tisch und Stühlen. Der Bungalow unserer Freunde war nebenan. Von der Terrasse aus waren es etwa 50 Meter zwischen Palmen und Grasbüscheln durch den feinen Dünensand zum Meer. Im Sand sah man immer wieder Spuren von irgendwelchen Tieren. Wahrscheinlich waren es Käfer, Skorpione oder irgendwelche kleinen Echsen. Ich fand glücklicherweise nie heraus, was es wirklich war. Einmal sauste ein großes und total flinkes Insekt auf dem Boden durch unser Zimmer. Wir erwischten es nicht.

 

Der öffentliche Strand war zum Hotel hin durch eine niedrige Mauer abgegrenzt. Ich war ziemlich enttäuscht, weil die Einrichtung so spartanisch war. Die Betten und Sideboards waren betoniert. Es waren einfach nur Matratzen auf das Bett gelegt. Eine Klimaanlage gab es nicht. Die Türen, die fast die gesamte Vorderfront des Häuschens einnahmen, konnte man aufklappen, sodass man freien Blick auf den Park und das Meer hatte.

 

Es gab drei verschiedene Restaurants und auch höherklassige Zimmer, die sich direkt im Hotel befanden. Wir durften nur in ein Restaurant und zur Strandlounge, wo man ebenfalls essen konnte. Es gab einen großen Pool, einen Park mit Palmen und anderen tropischen Pflanzen und ein kleines Tiergehege mit Ziegen und Geflügel. Es gab auch viele Katzen auf dem Hotelgelände. Leider waren die Tage nahe des Äquators sehr kurz und in aller Frühe, wenn sich der erste Sonnenstrahl blicken ließ, weckte uns der Muezzin durch lautes Rufen.

 

Nach kurzer Zeit bekamen nicht nur wir Brechdurchfall. Das halbe Hotel war krank! Wir konnten kaum etwas bei uns behalten und der Hoteldirektor selbst ging mit zwei Angestellten herum und schrieb auf, wer alles erkrankt war. Er salutierte sogar vor uns, als ich ihn mal wütend anschaute, weil er uns im Bungalow gestört hatte. Ich war total froh, dass die Kinder nicht dabei waren. Wir bekamen drei Tage lang ein bitteres, dunkelbraunes Teegebräu zu trinken, bis es dann langsam besser wurde. In dieser Zeit lebte ich nur von diesem Gebräu, Wasser und Baguette. Es war so schlimm, dass wir oft mit einem Eimer vor uns auf dem Klo saßen. Irgendwie kamen wir aber nicht auf die Idee, deshalb einen Abschlag vom Reisepreis zu verlangen. Heute würde ich das sicher tun.

 

Wahrscheinlich hatte das Meerwasser diese Krankheit ausgelöst, denn später entdeckten wir, dass ein paar Meter vom Hotelstrand entfernt eine dreckige Kloake ins Meer rann. Ich hatte aber beim Abendessen auch einen Fisch gegessen, der geschmeckt hatte als hätte ihn jemand vom Strand aufgesammelt. Er war sogar noch sandig gewesen. Ich kam dann zu dem Schluss, dass das Hotel zurecht den Namen Hill Diar hätte, indem ich ihn mit dem Ausdruck „Hügel des Durchfalls“ (Diarrhoe) übersetzte. Leute an unserem Nachbartisch, die gehört hatten wie ich das sagte, lachten lauthals. Dass der Name eigentlich „Weißes Haus“ bedeutet, erfuhr ich erst viel später.

 

Nach drei oder vier Tagen wurde es dann aber besser und wir konnten Ausflüge unternehmen und die Zeit genießen. Genießen konnte ich insoweit, wie es meine Stimmen zuließen. Kurz... es war nicht allzu erholsam für mich, außer dass ich die tropische Umgebung genießen konnte. Die Stimmen bequatschten mich die ganze Zeit mit schrecklichsten Vermutungen. Ich schob richtige Tripps und hatte oft Angst um die Kinder zu Hause. Ich hab das damals auch aufgeschrieben, denn ich schrieb in dieser Zeit über Jahre jeden Tag Tagebuch, finde sie aber im Moment nicht. Hab sie wohl irgendwo sehr gut verstaut...

 

Unsere Ausflüge, die ich mir trotzdem nicht nehmen ließ, führten uns nach Hammamed, in die Medina, auf einen Markt, zum Hafen von Sousse und nach Sousse selbst, wo wir die Innenstadt und ein Mosaikenmuseum besichtigten. Außerdem waren wir oft am Strand. Ich hätte gerne eine Fahrt mit einem Touristen- U-Boot gemacht, aber es war zu teuer und vielleicht war es ja auch gefährlich....

 

Die tunesischen Männer waren gewöhnungsbedürftig. Wir waren schon bei der Ankunft gewarnt worden, als Frauen Nachmittags oder Abends nicht alleine an den Strand zu gehen. Als die Männer dann noch krank waren, legten B. und ich uns aber einmal direkt nach dem Mittagessen vor das Hotel an den Strand. Wir dachten, da würde sicher nichts passieren. B. die blond ist, wurde sofort angequatscht. Mit Müh und Not konnten wir den Kerl wieder los werden. Einmal versuchte mir ein Händler am Strand Geld direkt aus dem Portemonnaie zu klauen und die Kaufleute in der Medina waren total aufdringlich. Alles in allem machte das absolut keinen Spaß.

 

Es war trotzdem schön, einen Teil von Afrika und diese andersartige Kultur kennen zu lernen. Heute wäre ich froh, wenn ich so etwas noch mal machen könnte.

 

Als unser Urlaub zu Ende war, mussten wir auf dem Flughafen das tunesische Geld umtauschen. Münzen wurden nicht umgetauscht und so schenkten wir sie einer hochschwangeren Frau, die dort im Flughafen putzte. Bei uns hätte so eine Frau nicht mehr arbeiten dürfen.

 

 

Ich meine mich zu erinnern, dass es vor diesem Rückflug war, wo bei der Wartezeit im Flugzeug die Klimaanlage versagte und die Passagiere nach Luft schnappend in der Hitze auf den Abflug warteten. Trotzdem klappte am Ende alles gut und wir kamen wieder gesund nach Hause.