Der „Vadder“

 

Mein Opa war für uns alle immer der „Vadder“. Opa war für mich schon alt als ich noch klein war. Eigentlich hieß er Paul. Er war ein kleiner, freundlicher Mann, von Beruf Schuhmacher und Kriegsgeschädigt. Ich habe keine Ahnung welche Verletzung er überhaupt vom Krieg davongetragen hat, denn man merkte ihm eigentlich nichts an, aber er erzählte manchmal von der Kriegsgefangenschaft bei den Franzosen, wo er im Lager ebenfalls als Schuster gearbeitet hatte und wo sie vor lauter Hunger aus den Ledersohlen Suppe kochten. Seine kleine, düstere Werkstatt mit den Butzenfenstern, dem gusseisernen Holzofen, diversen Maschinen, Werkzeugen, Holzregalen, Arbeitsmaterialien und anderen Gerätschaften hatte er in einem kleinen Raum unter unserem Schopf (Trockenboden), wo das Feuerholz gelagert wurde eingerichtet. Wir nannten sie einfach die „Schusterbude“.

 

Oft war ich dort mit ihm zusammen. Es war dort so gemütlich und ich bastelte gerne mit Lederresten. Ich durfte zuschauen, wie man auf althergebrachte Weise Schuhe repariert und manchmal auch helfen, die Schuhe mit der Poliermaschine zum Glänzen zu bringen. Ich erinnere mich, dass er einmal ein Blatt Papier nahm und Metallspäne daraufstreute, die er irgendwo weggeraspelt hatte. Er meinte: „Schau mal was passiert, wenn ich da ein Magnet darunterhalte!“ Es lag immer ein großes U-förmiges Magnet in einem der alten Holzregale in der Werkstatt, damit er die winzigen Schuhnägelchen besser wiederfinden konnte, wenn sie mal heruntergefallen waren. Als er das Magnet unter das Papier hielt, wanderten die Metallspäne wie an Fäden gezogen so um die beiden Enden des Magnetes, dass sich zwei strahlenförmige Bögen bildeten. Ich war total fasziniert und spielte den ganzen Nachmittag damit. Damals konnte man sich mit so etwas noch völlig problemlos stundenlang die Zeit vertreiben, denn es gab weder Fernsehen noch Computer und lesen konnte ich damals auch noch nicht. Die einzige Alternative war Langeweile. Ich lernte auch den Duft des Lederleims kennen, der wirklich verlockend war, aber Opa sagte mir, dass man das nicht schnüffeln dürfte, weil man davon krank würde. Ich ließ es dann bis auf ab und zu einen kleinen Zug von dem Duft sein...

 

Wenn jemand kam, der Schuhe zur Reparatur brachte oder abholte, fiel immer ein längeres Gespräch an, denn man kannte sich. Der Preis der Reparatur belief sich meist auf Pfennigbeträge. Ich glaube, wenn mein Opa nicht die Rente als Kriegsversehrter bekommen und nicht nebenbei eine kleine Versicherungsagentur betrieben hätte, hätten sie nie ein Haus bauen oder überhaupt von so etwas leben können. Heute könnte man es jedenfalls nicht.

 

Irgendwann rief dann immer auch meine Mutter, wir sollten zum Kaffee hochkommen. Bei uns war jeden Nachmittag um 15 Uhr Kaffeezeit. Dann saßen meine Mutter, meine Oma, der Opa, meine Schwester, ich und ab und zu noch sonst ein Besuch wie vielleicht meine Tante in der Küche bei Streuselkuchen oder Brezeln zusammen und meist wurde dann darüber geredet, was gerade Ortsgespräch war. Ich trank immer Kaba, weil mir Kaffee zu bitter war. Danach ging wieder jeder seiner Arbeit nach.

 

Ein paar Jahre später hatte mein Opa seinen ersten Herzinfarkt. Es passierte, als wir im Winter eine Wanderung zum Naturfreundehaus des Nachbarortes machten. Es lag weit außerhalb auf einem Hügel am Waldrand. An diesem Tag lag Schnee und plötzlich meinte mein Opa, er könne nicht mehr weitergehen. Meine Mutter und mein Onkel stützten ihn, während mein Vater zu der Hütte lief und einen Stuhl holte, auf dem sie ihn weitertragen konnten. Glücklicherweise gab es einen Telefonanschluss, sodass er dann von einem Krankenwagen abgeholt werden konnte. Er war für mich eine lange Zeit weg und kam total abgemagert zurück. Man hatte ihn auf Diät gesetzt, weil das das Herz schonen sollte. Ich denke, seit dieser Zeit lebte er immer mit dem Gedanken daran, dass es sein Tod sein würde, sollte so etwas noch einmal passieren.

 

Eines Tages im Sommer passierte es dann tatsächlich. Wir saßen im Hof um den alten Gartentisch um grüne Bohnen fürs Einwecken zu schneiden. Irgendwann ging meine Oma nach dem Opa in der Werkstatt schauen und ließ einen schrillen Schrei fahren. Wir liefen alle hin und sahen den Opa schwer atmend auf dem Boden vor seiner Poliermaschine liegen. Sie warfen mir vor, nicht gesagt zu haben, dass er dort liegt, weil ich kurz vorher an der Werkstatt vorbeigegangen war. Ich hatte aber wirklich nichts gesehen. Jemand holte den Nachbarn. Dann trugen sie ihn ins Wohnzimmer, wo er auf die Couch gelegt wurde. Ewig lange kam weder ein Arzt noch ein Krankenwagen und wir saßen dabei und konnten nichts tun, als das verzweifelte nach Luft schnappen mitanzuhören.

 

Als der Arzt endlich eintraf, war es zu spät...