Vergangenheit

 

Ich habe ja immer gesagt, dass es in meiner Familie keine weiteren bekannten Fälle von psychischen Erkrankungen gibt.

Inzwischen weiß ich aber, dass zumindest auch meine Mutter eine Stimme gehört hat; wenn auch nur zeitlich begrenzt und sehr selten. Sie hat mir erzählt, dass sie nachdem meine Tante gestoben war, diese zu Hause eine Zeit lang immer von draußen nach ihr rufen hörte, wenn sie in der Küche saß. Also muss die Anlage dazu wohl schon da sein. Auch zeigt meine Mutter oft Abneigung gegen andere Menschen, sieht Aussagen von anderen oft unberechtigt negativer als sie es sind und zieht sich vor anderen zurück, was ich bisher immer auf ihre schlimme Kindheit und auch ihren Schlaganfall geschoben habe.

Meine Schwester wurde mit Depressionen diagnostiziert. Das könnte ebenfalls eine Vorstufe oder andere Ausprägung sein.

Von meiner richtigen Familie mütterlicherseits weiß ich fast nichts. Meine Mutter wurde Anfang der 30er Jahre von meinen Stiefgroßeltern im Kleinkindalter aus einem Mutter- und Kindheim in ihrem Wohnort (ganz sicher kein Lebensborn, weil es die erst ab Mitte 1936 gab) als Pflegekind aufgenommen, weil sie selbst kein zweites Kind mehr bekommen konnten, und mir wurde gesagt dass meine richtige Großmutter sie wohl dort auch zur Welt gebracht hat. Sie hat sie wohl sofort nach der Geburt verlassen. Ihre ältere Schwester war schon vorher von ihrer Oma aufgenommen worden und starb bei dem Luftangriff 1945 in Pforzheim. Meine Mutter vermutet, dass diese Oma sie als zweites Kind nicht auch noch aufnehmen konnte und erzählte mir, mein Großvater hätte während des ganzen Krieges wegen Geldfälscherei im Gefängnis gesessen.

Früher hatte ich vermutet, dass es bezüglich der Gefangenschaft irgendwie einen Zusammenhang mit eventuellen jüdischen Wurzeln in der Familie gäbe, weil mein Großvater Weiss hieß, was teilweise auch ein jüdischer Name sein könnte. Meine Großeltern haben sich wohl scheiden lassen. Meine Großmutter hieß mit Mädchenname Bullinger. Inzwischen hege ich den Gedanken, dass vielleicht auch meine Großmutter psychische Probleme gehabt haben könnte. Jedenfalls war sie ja einfach nach der Niederkunft verschwunden und hatte sich auch um das erste Kind kaum gekümmert. Angeblich sei sie in Berlin zum Arbeitsdienst verpflichtet worden, was aber höchstens der FAD gewesen sein konnte, denn den Reichsarbeitsdienst gab es erst später. Jedenfalls bekam meine Mutter nach dem Krieg noch ein Schreiben wo eine Unterschrift verlangt wurde, damit meine Großmutter wieder nach Baden-Württemberg zurückkehren könnte, da sie hier sie als Tochter hatte. Damals war ein Umzug wegen der verschiedenen Sektoren wohl nicht so einfach möglich. Meine Mutter hat das aber nicht unterschrieben und sie hörte dann anscheinend nie wieder etwas von ihr. 

 

Mit ihrem Vater hatte sie selbst nur zwei Mal Kontakt. Das erste Mal bei ihrer Konfirmation, wo er zusammen mit einer Frau kam, die wohl Besitzerin einer Metzgerei in der Umgebung von Karlsruhe war (evtl. Lebensgefährtin oder neue Ehefrau). Er bot ihr an, ihn doch ab und zu zu besuchen und auch ein Geschenk, was sie aber ablehnte. Später musste mein Vater von ihm eine Heiratserlaubnis unterschreiben lassen, weil meine Mutter noch keine 18 und schwanger war. Sie selbst ging nicht mit dort hin. Nach der Geburt meiner Schwester kam er noch mal vorbei und bot ihr wieder Kontakt an, den sie dann aber ebenfalls entrüstet ablehnte. Von dort an gab es keine Begegnungen mehr und wir wissen nicht, was aus ihm geworden ist.

Einmal, noch im Grundschulalter, sollte sie angeblich von ihr unbekannten Verwandten aus einem Dorf im Nordschwarzwald adoptiert werden, die in die Schule kamen, um mit ihr zu reden. Allerdings flüchtete sie damals vor denen und versteckte sich im Stall meines Stiefonkels.

Ob alles was ich von meiner Mutter zu dem Thema höre der Wahrheit entspricht weiß ich nicht. Vielleicht erinnert sie sich an einiges nicht mehr richtig. Einerseits ist ihre Abneigung zwar verständlich nach der sicher traumatischen Kindheit, aber man weiß nie, was ihre Eltern dazu gebracht hat, sie damals zurückzulassen. Klar könnten sie auch völlig asoziale Subjekte gewesen sein, aber vielleicht hatten sie auch aus irgendwelchen Gründen keine andere Wahl? Ich habe ja meine Kinder auch bei meinem Ex gelassen, weil sie es dort sicher besser hatten als bei mir als damals total paranoider und mit Medikamenten zugedröhnter psychisch Kanker. Damals gab es sicher nicht viel Unterstützung für alleinerziehende Mütter, vor allem wenn der dazugehörige Vater im Knast saß.

 

Ich bin sehr interessiert an meiner Familiengeschichte. Wahrscheinlich weil sich da Geheimnisse zu verbergen scheinen. Über die Familie meines Vaters denke ich nur selten nach. Die lebten halt wie es scheint schon ewig im Nachbardorf.

 

Das gehört ja immerhin zur eigenen Vergangenheit und würde im schlimmsten Fall meine Erkrankung erklären. Nun habe ich einen Gentest bei einem israelischen Unternehmen gemacht, wo sich die jüdische Abstammung schon mal nicht bestätigte. Ich bin zu ca. 56% Mitteleuropäerin, zu ca. 9% Engländerin, zu ca. 6% Ibererin, zu ca. 19% Italienerin, zu ca. 8% Nordafrikanerin, zu ca. 1% Zentralasiatin und zu ebenfalls ca. 1% Nigerianerin. Da war kein einziger Aschkenase dabei. Natürlich sind das alles sehr ungenaue Werte und haben nur tendenzielle Aussagekraft. Meine Vorfahren kamen also zu 65 % aus Mitteleuropa und zu 30% aus dem Mittelmeerraum. Die Ausreißer nach Nigeria lassen sich vielleicht mit einem Sklaven erklären und wo der Zentralasiate herkommt, hab ich keine Ahnung.

 

Ich habe mir nun noch Einblick in die Datenbanken des Anbieters für Ahnenforschung geholt, wo ich auch den Test habe machen lassen, aber nach ersten Versuchen keine Erfolge bei meiner Suche gehabt. Vorhin kam ein Anruf aus den USA von einem Mitarbeiter eines Callcenters des Anbieters, der dann wenigstens etwas zu meinem Vater fand, was ich aber eigentlich auch so wusste. Mal sehen was noch kommt...