Vor dem Aus

 

Die Beziehung zwischen meinem Mann und mir wurde mit den Jahren zum Problem. Ich war durch die Stimmen oft depressiv und durch die Medikamente müde. Lust auf Sex hatte ich kaum noch. Ich hatte nach einem Bandscheibenvorfall einen Bandscheibenschaden entwickelt, was immer wieder starke Schmerzen auslöste und litt  unter Menstruationsproblemen. Außerdem hatte ich einen Tinnitus entwickelt.

 

Ich funktionierte zwar, was den Haushalt und die Kindererziehung anging, aber richtig Freude am Leben hatten wir nicht mehr. Offenen Streit gab es eigentlich nie, obwohl es mein Mann ab und zu darauf anzulegen schien. Vor allem dann, wenn wir längere Zeit nicht miteinander geschlafen hatten, bestrafte er mich mit bissiger Wortlosigkeit. Ich dachte oft an Scheidung, aber in meiner Situation wäre das die reine Selbstaufgabe gewesen. Ich war schwer krank, hatte keine Arbeit und wer würde mir in dieser Lage die Fähigkeit zugestehen, die Kinder erziehen zu können? Ich hätte auch eine eigene Wohnung suchen müssen, weil wir bei den Schwiegereltern wohnten. Ausreichend Geld oder Freunde hatte ich auch nicht... Es ging schon allein wegen den Kindern nicht! Sie sollten in einer intakten Familie aufwachsen.

 

Im Juli 2004 wurden wir von meiner Schwester und ihrem Lebensgefährten für einen dreiwöchigen Urlaub in ihr Ferienhaus in der Türkei eingeladen. Vorher ging ich noch zu meinem Psychiater, der mir zusätzlich ein Neuroleptikum speziell gegen Angstzustände (Promethazin) verschrieb. Die Zeit dort war sehr belastend obwohl die Gegend um das Haus wunderschön war. Schon mehrere Male hatte mein Mann bei Urlaubsreisen versucht, Streit mit mir anzufangen und  Jahre zuvor, als wir mit Freunden und unserem kleinen Sohn in Spanien waren, sogar abgebrochen. Ich hatte immer versucht, mich nicht darauf einzulassen, damit die Kinder nichts merkten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie das nie mitbekommen haben, aber sie hielten so ein Verhalten wahrscheinlich für normal. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn alles ausgesprochen worden wäre. Nun ging es mir aber richtig schlecht und ich hatte schlimme Depressionen und Angstzustände. Zusätzlich quälten mich die Stimmen. Einmal Nachts wurde mein Mann fast handgreiflich und ich schloss mich den Tag darauf ins Schlafzimmer ein und weinte die ganze Zeit. Auch als wir vom Urlaub zurückkamen, redete er kaum noch mit mir.

 

Das zog sich dann von September bis Dezember so hin. Nachts wachte ich meist zwischen zwei und drei Uhr auf. Ich konnte dann nicht mehr einschlafen, die Stimmen sprachen über schlimme Dinge, die passieren würden und ich konnte nicht aufhören zu grübeln. Ich hatte schlimme Ängste. Manchmal stand ich auf und ging ins Wohnzimmer, aber A. sah das nicht gerne. Ich war nicht einmal mehr fähig, an den Elternabenden in der Schule teilzunehmen und die Stimmen quälten mich unentwegt mit Gemeinheiten. Mein Mann übernahm das mit Widerwillen. An meinem Geburtstag tobte ein Tsunami über Thailands Westküste und ich fühlte mich damit wieder einmal bestätigt, dass ich unter einem Unglücksstern geboren sei.

 

Schon 1999 war an meinem Geburtstag etwas Schlimmes passiert. Damals zog der Sturm Lothar über Deutschland. Weil ich nicht feiern wollte, wollten wir zusammen mit den Kindern im Kino einen Film anschauen. Wir beschlossen, vorher trotzdem noch eine Weile spazieren zu fahren. Die Elemente tobten und ich machte mir Sorgen um unsere Sicherheit. Als wir durch einen Wald fuhren, kam uns plötzlich ein Auto mit einem wild gestikulierenden Fahrer entgegen. Er bedeutete uns umzukehren und ich meinte, wir sollten so schnell wie möglich versuchen da herauszukommen. Plötzlich sahen wir vor uns Autos und umgekippte Tannen auf der Straße. Die Feuerwehr war schon dabei, die Bäume zu zersägen. Nun wurde uns endgültig klar, dass wir möglichst schnell aus dem Wald heraus müssten. Wir kehrten um und  kamen dann doch noch ohne weitere Probleme beim Kino an. Dort drinnen merkte man nichts davon, wie draußen der Sturm tobte. Wir hatten das zwar überstanden, aber ich machte A. insgeheim Vorwürfe, dass er unser Leben in Gefahr gebracht hatte. Ich hätte auch darauf bestehen können, dass wir nicht in den Wald hineinfuhren, aber mein Mann wäre dann sicher böse geworden und der Tag wäre wieder mal verdorben gewesen.

 

An Silvester 2004  erinnere ich mich nicht mehr, aber die Zeit war schrecklich. Mir war nur zum heulen zumute. Anfang Januar hatte ich wieder einen Termin bei meinem Psychiater. Als A. mir morgens über den Weg lief, wusste ich nichts Besseres ,als ihm im Vorbeigehen ganz leise „Mörder“ zuzuflüstern. Er sollte endlich mal wissen, wie es ist, wenn man Stimmen hört und ich empfand sein Verhalten auch so, als ob er am liebsten meinen Tod wollte. Er tat so, als ob er nichts gehört hätte und ging weiter. Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, es wäre ihm am liebsten, wenn ich mich umbringen würde. Dann wäre er mich los gewesen.

 

Als ich dann zum Arzt kam, musste ich wieder mal recht lange warten. Die Kinder waren bei den Schwiegereltern; die Praxis proppevoll. Ich fühlte mich total unwohl und übermüdet. Als ich dran kam, sagte mein Arzt zu meinem Erstaunen, dass mein Mann an diesem Morgen angerufen und verlangt hatte, dass er mich einweist. Ich war am Boden zerstört. Das war das Letzte! Wir sprachen über das, was in letzter Zeit vorgefallen war und wie die Lage mit den Stimmen war. Er kam zu dem Schluss, dass es nicht nötig wäre in die Klinik zu gehen. Allerdings wollte er eine Depotspritze für eine Akutbehandlung ansetzen. Ich ließ mir also die Spritze geben und ging wieder nach Hause.

Nun war ich noch müder und ich hatte Angst vor der Heimkehr meines Mannes nach der Arbeit.

 

Die Aussprache, die zu Hause daraufhin folgte, brachte eigentlich nichts. Halbherzig versuchte ich, ihn aus der Wohnung zu werfen, gab dann aber schnell auf. Es ging weiter wie bisher.............. bis es dann doch nicht mehr ging.......