Katerchen

 

Wir hatten an diesem Tag Nachmittags Unterricht. Jeweils zwei Stunden Handarbeit und zwei Stunden Sport. Ich war spät dran, weil mir eine Sticknadel fehlte. In letzter Minute fand meine Mutter noch eine und gab sie mir, böse zeternd weil ich vielleicht zu spät kommen würde. Ich lief schnell die Treppe runter. Unterwegs sah ich dort mein Katerchen sitzen, aber ich hatte keine Zeit, es zu streicheln. In aller Eile rannte ich zur Schule.

 

Ich hatte das Kätzchen über eine Freundin bekommen. Ich war mit ihr zusammen zu dem privaten Altersheim gegangen, wo ihre Mutter arbeitete. Die Besitzerin zeigte uns die Katzenwelpen und ich war sofort Feuer und Flamme für ein kleines rotes Tigerkätzchen. Es sollte Mufti heißen und ich durfte es gleich mitnehmen...

 

Meine Mutter war nicht damit einverstanden gewesen und meinte nur, dass er nicht in die Wohnung käme. Ich versorgte ihn dann immer im Schuppen. Er hatte oft Durchfall. Heute weiß ich, dass die meisten Katzen keine Kuhmilch vertragen. Damals gab man ihnen aber ständig Milch. Besondere Anschaffungen wurden bei uns für ein Tier nie gemacht. Nur das Nötigste.

 

Als ich dann von der Schule  wieder nach Hause kam, ging ich zuerst zur Pergola im hinteren Teil unseres Hofes wo wir immer die Wäsche trockneten und rief nach dem Katerchen. Plötzlich sah ich es! Es lag auf einem der alten, mit bunten Plastikschnüren bespannten Gartenstühle mit weißem Gestell, aber etwas war anders als sonst... Zu meinem Entsetzen sah ich, dass es sich eine große Wunde am Fuß ableckte. Ein Stück weißer abgeknickter Knochen stand am Hinterlauf aus der blutigen Wunde. Ich steichelte es entsetzt über den Kopf und es maunzte kläglich. Ich begann zu weinen und lief zu meiner Mutter. Ich bettelte sie an, wir müssten es zum Tierarzt bringen. Meine Mutter meinte darauf nur, das sei zu teuer. Sie kam zusammen mit meiner Oma dorthin wo es lag. Da könnte man nichts mehr machen.

 

Als mein Vater von der Arbeit nach Hause kam, ging er zum Nachbarn von nebenan, der Jäger war und fragte ihn, ob er das Katerchen erschießen könnte. Ich war vollkommen am Ende und heulte nur noch. Warum konnten wir das Bein nicht schienen lassen? Inzwischen war meine Freundin A., die drei Häuser weiter wohnte aufgetaucht und versuchte mich zu trösten, was mir aber unangenehm war.

 

Nach einiger Zeit kam der Nachbar mit seinem Jagdgeweh. Von ihm wurde erzählt, dass er bei den Nazis bei der SS gewesen sei und gesehen worden sei, wie er im Wald die Bäume mit "Heil Hitler" grüßte. Wir standen alle im Hof und sahen auf das arme Katerchen, das im Garten an der Garage zum Nachbarn auf einer alten Decke lag. Wir wurden nach oben ins Wohnzimmer geschickt. Nur mein Vater blieb mit unten. Ich zitterte und weinte.

 

Als dann kurz hintereinander zwei Schüsse fielen, zuckte ich jedes Mal zusammen. Ich bekam einen Weinkrampf. Meine Mutter meinte dann nur noch, sie wolle mich auf keinen Fall noch mal weinen hören. Jetzt sei endgültig Schluss!!! Das zerbrach etwas in mir. Ich durfte nicht mal mehr weinen... Es war so furchtbar... Sie hatte wieder mal überhaupt kein Mitgefühl. Ich hasste sie. Das tote Katerchen war vom Nachbarn mitgenommen worden. So wie ich ihn einschätze, zog er ihm dann auch noch das Fell ab. A. ging noch mit mir zum Spielplatz, damit ich mich beruhigen sollte. Ich war aber trotzdem vollkommen verzweifelt.

 

In der Schule fiel ich wohl mit meinen verheulten Augen auf. Ich konnte mich nicht konzentrieren und die Lehrerin fragte mich, was los sei. Ich erzählte ihr, dass mein Katerchen erschossen worden war, weil es sich das Bein gebrochen hatte. Sie sagte daraufhin nichts mehr, bekundete aber auch keine Anteilnahme.

 

Vor allem hatte ich immer den Gedanken im Hinterkopf, dass ich vielleicht selbst Schuld daran hatte, weil das Katerchen vielleicht in den Türspalt gekommen war, als ich in der Eile die Haustür hinter mir zugeworfen hatte. Aber eigentlich konnte das nicht sein, weil es oben an der Treppe gesessen hatte als ich ging... Oder hatte meine Mutter es in Wirklichkeit so schlimm verletzt, weil sie es sowieso nicht Zuhause haben wollte... Wahrscheinlicher war aber, dass es einfach auf der Straße von einem Auto erwischt wurde.

 

Wieder mal fraß sich etwas in mir fest, das mir sagte, dass das Leben niemals unbeschwert schön sein kann und dass man in Bezug auf andere Menschen immer mit dem Schlimmsten rechnen muss. Sie halfen einem ja sowieso nicht...