Singlewohnungen

Nach der Trennung von meinem Mann war ich jeglicher Perspektive beraubt. Ich hatte weder Arbeit noch Wohnung, noch Bankkonto, noch irgendwelche Freunde, die mir hätten helfen wollen. Ich dachte damals nicht, dass ich wieder auf die Beine kommen würde.

 

Ich war ziemlich verzweifelt, weil mir niemand eine Wohnung vermieten wollte. Oft, wenn ich spazieren ging, schaute ich auf die Fensterfronten der Häuser und überlegte, ob dort wohl vielleicht etwas frei sein könnte. Ich fühlte mich schon wie eine Obdachlose, obwohl ich fürs Erste bei meiner Mutter Unterschlupf gefunden hatte.

 

Glücklicherweise half mir meine Familie und die Familie des Freundes meiner Schwester. Seine Eltern hatten eine kleine Zweizimmerwohnung unterm Dach, die leer stand. Mit 260€ Kaltmiete/360€ Warmmiete war sie gerade noch bezahlbar für mich.

 

Im September 2005 unterschrieb ich den Mietvertrag. Allerdings musste renoviert werden, und die Raufasertapete an den Wänden war kaum ab zu bekommen. Von den Vormietern standen noch alte Möbel dinnen und der Teppichboden im Schlafzimmer hatte viele Flecken. Er musste ausgetauscht werden.

 

Mein Bruder und meine Schwägerin machten das meiste für mich. Ich hatte kaum Kraft und glaube, es war der heißeste September meines Lebens, als wir dort arbeiteten. Meine Neffen halfen meinem Bruder, die alte Küche und den Kleiderschrank, die ich aus der ersten Wohnung meines Mannes und von mir bekommen hatte, hochzuschaffen und aufzubauen. Außerdem brauchte ich ein Bett, Nachttischchen, einen Schreibtisch, ein Bücherregal, eine Couch und einen Schuhschrank. Mein Bruder baute sie zusammen mit mir auf. Auch die Sideboards aus unserer alten Wohnung waren gebraucht. Heute schäme ich mich ziemlich, dass ich sie damals mitgenommen habe, aber ich hatte solche Angst, dass ich mit dem Geld das ich hatte nicht zurecht kommen würde und wollte deshalb möglichst wenig ausgeben. Mein Ex hatte ja immer noch seine Arbeit und musste nur wenig Miete bezahlen, weil wir bei seinen Eltern im Haus gewohnt hatten.

 

In meiner Wohnung gab es nur die Eingangstür und eine Tür zum Bad, aber das machte mir nichts aus. Ich war ja sowieso alleine. Das Bad war winzig und fensterlos und die Fenster in den anderen Zimmern alt. Im Winter zog es durch. Aber das alles machte mir nichts aus. Ich war froh, die Chance auf eine Bleibe bekommen zu haben.

 

Anfangs fühlte ich mich wie eingesperrt, weil alles so klein war. Erst mit der Zeit gewöhnte ich mich an die neue Umgebung. Mein Psychiater meinte dazu mal, die Wohnung müsse erst „Stallgeruch“ annehmen. Mit der Zeit machte ich es mir wohnlich und holte zwei Katzen und einen Hamster. Katzen würde ich mir heute in so einer kleinen Wohnung nicht mehr zulegen. Ich musste wegen den Haaren jeden Tag alles durchsaugen und wegen dem herausgescharrten Katzenstreu den Boden vom winzigen Bad immer wieder sauber machen.

 

Anfang 2014 sagte mir dann der Vater des Freundes meiner Schwester, sie bräuchten die Wohnung wegen Eigenbedarf. Ihr Enkel wollte dort einziehen. Da dieser aber auf einen Rollstuhl angewiesen ist, musste außen ein Fahrstuhl angebaut werden, was bis zur Fertigstellung bis Dezember 2018 dauerte. Ich hatte natürlich gleich wieder Angst, keine bezahlbare Wohnung zu finden und drehte fast durch vor Angst. Nach zwei Monaten fand ich dann aber über eine Anzeige im Gemeindeblatt eine viel schönere Wohnung, als ich sie hatte. Sie war 54 qm groß und kostete 300 € Kalt und 420 € Warm. Die Bushaltestelle war direkt vor der Tür. Nur leider war dort Haustierhaltung außer derer von Käfigtieren nicht erlaubt. Ich musste also die Katzen hergeben, weil ich so schon Glück hatte, überhaupt etwas zu finden. Über eine frühere Mitschülerin fand ich eine Frau, die sie nehmen wollte.

 

Auch diese Wohnung musste renoviert werden, ich brauchte eine neue Küche und eine neue Couch. Auch der Umzug, der dieses Mal über ein Umzugsunternehmen lief, war sehr teuer. Das riss ein großes Loch in mein Budget, aber ich wollte das möglichst unabhängig von meiner Familie zustande bringen. Sie sollten nicht schon wieder wegen mir so viel Arbeit haben. Nur mein Sohn war beim Umzug selbst dabei und transportierte mich, meine Pflanzen und die Hamster. Beim Auspacken half auch meine Tochter.

 

Es klappte zeitlich alles einwandfrei. Nur wurden kurz vor dem Einzug die Türen und die Zargen gestrichen. Deshalb stank in der ersten Zeit alles fürchterlich nach Farbe. Gewöhnungsbedürftig war auch der starke Verkehr an der Straße vor dem Haus. Ich konnte nachts nicht mehr wie früher das Fenster offen lassen. Allerdings war es von nun an im Sommer nicht mehr so heiß, weil ich im Erdgeschoss wohnte.

 

 

Ich hoffe, ich kann in dieser Wohnung noch recht lange leben. Inzwischen habe ich mich zwar bei einer Wohnbaugenossenschaft angemeldet, aber es dauert 8-10 Jahre, bis man überhaupt echte Chancen hat, dort eine Wohnung zugeteilt zu bekommen und die Mieten steigen immer mehr. Als Mieter mit geringem Einkommen ist man immer auf gut Glück angewiesen. 

2005 - 2014

2014 - ...